Heinrich Marschners romantische Oper „Hans Heiling“ in Essen

Ein Tatmensch: Heiko Trinsinger (Mitte, mit Opernchor) in der Titelrolle der Oper „Hans Heiling“ in Essen.

ESSEN - Die Rechnung scheint verlockend einfach: Ködere die Menschen mit Bekanntem, um Unbekanntes zu verkaufen. Es wird zu beobachten sein, ob die Kalkulation am Essener Aalto-Theater aufgeht, wo die jüngste Opernpremiere, „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner, mit Bergbau-Bildern beladen wird.

Mit Albernheiten wie einem aufgesetzten Ruhrpott-Dialekt wird das Stück komplett zerschossen; dass in den Schlussakt das Steigerlied hineingezwängt wird, ist noch das Geringste. Das wird weder der Oper gerecht noch der farbenreichen Kultur des Ruhrgebiets, die hier als putzige Sonderlichkeit ausgestellt wird.

Marschner nimmt in der deutschen romantischen Oper eine Schlüsselposition zwischen Carl Maria von Weber und Richard Wagner ein. Sein „Hans Heiling“ nährt sich aus der böhmischen Sagenwelt. Dort ist Heiling des Geldes wegen mit dem Bösen im Bunde. Er überlässt sich ihm, dafür bringt der Teufel die Frau um, die Heiling verlassen hat. Bei Marschner liegt die Sache interessanter: Heiling ist ein Berggeist, aber er ist auch der Sohn eines Menschen. Er sucht Liebe, um eine Heimat zu finden. Doch Andreas Baesler inszeniert – nein, er bebildert die Geschichte in die Belanglosigkeit hinein. Zur Ouvertüre – die bei Marschner auf einen Prolog in der Geisterwelt folgt – zeigt Baesler ein Lehrfilmchen über Kohle. Er siedelt die Oper vage zur Zeit der Arbeitskämpfe an. „Vom Zechentod bedroht“ verkündet ein Plakat in dem als Waschkaue/Bar dekorierten „Dorf“, in dem die Verlobung Hans Heilings (Heiko Trinsinger) mit dem Mädchen Anna (Jessica Muirhead) gefeiert wird. Heiling ist hier ein Fremder, weil er zu den Besitzenden gehört. Der Prolog verweist auf die Krupp-Familie.

Die Anspielung ist nicht nur naiv (weil Baesler damit behauptet, „echtes“ Gefühl sei nur bei den so genannten einfachen Leuten zu finden). Die Regie hält die Spaltung auch nicht durch: Sowohl die Menschen als auch Heilings Erdgeister sind hier Bergleute. Die Schauwerte sind immerhin hoch, wenn die Geister in einem Streben stehen wie Helden der Arbeit auf einem Wandfries (Bühne: Harald B. Thor).

Anna und deren Mutter Gertrude (Bettina Ranch) zeigt Baesler als Kleinbürger. Das Ambiente stimmt, vom Schwarz-Weiß-Fernseher bis zur Anrichte. Personenführung aber fällt aus. Warum Heiling die Sterbliche Anna so rasend liebt? Wer weiß.

Warum das gute Ende – die Geisterkönigin bewegt ihren Sohn zur Versöhnung – so gedreht wird, dass Heiling stirbt und als letzte Tat (per Videobild) Zechen sprengt? Soll ihn das als skrupellosen Kapitalisten zeigen, der persönliche Enttäuschung vor gesellschaftliche Verantwortung setzt? Und nutzt das der Oper? Nein.

Die Handlung wird ständig gebrochen durch die umgeschriebenen Sprechszenen (Tenor: der kapitalistische Erdgeist Heiling soll uns hier mal hinkommen). Die dramatischen Monologe – besonders Gertrudes Melodram, das vorausweist auf die durchkomponierte Oper – klingen albern, wenn „Hömma!“ dazwischengerufen wird.

Koddern muss man können: Das missratene Bergmanns-Idiom setzt die Texte aus dem 19. Jahrhundert ins falsche Licht, auch sie klingen plötzlich putzig, altmodisch, falsch.

Es ist ein Jammer, denn Essen hat mit Frank Beermann einen hervorragenden Dirigenten, der die Musik unter sorgsam gepflegter Spannung hält, der die Geister-Szenen bedrohlich ausformt, dabei differenziert und durchhörbar spielen lässt. Beermann horcht in die volkstümlichen Szenen hinein und findet dort tiefes Gefühl. Als Heilings Schicksal angedroht wird, flimmert der Klang kostbar metallisch. Schauer und Grusel sind bei Beermann zweischneidig, Symbol des Fremden im vertrauten Kleid. Wie schön wäre es gewesen, hätte die Regie die Oper so respektvoll behandelt, wie Beermann es tut.

Heiko Trinsinger steigert sich in die Darstellung eines Getriebenen hinein. Jessica Muirhead ist eine vor Angst und Bedrängnis flirrende Anna, höhen- und stilsicher. Rebecca Teem gibt eine nicht immer ganz fokussierte, aber ausdrucksmächtige Königin. Bettina Ranch ist eine berührende Gertrude. Als Konrad klingt Jeffrey Dowd schwachbrüstig. Der Chor, einstudiert von Jens Bingert, schlägt sich sehr gut. Musikalisch lohnenswert, der Rest ein Ärgernis.

28.2., 3., 9., 22.3., 29.4.,

Tel. 0201/81 22 200,

www.theater-essen.de

Aufzeichnung im Radio:

10.3. Deutschlandfunk Kultur, 1.4. WDR3.

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