Heinrich August Winklers „Geschichte des Westens“

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Den Westen im Blick: Heinrich August Winkler

Von Jörn Funke - Wieviel Zeit muss vergehen, bevor etwas zu Geschichte wird? Nur ein paar Wochen, wenn es nach dem jüngsten Werk des Historikers Heinrich August Winkler geht. Jetzt legt der emeritierte Berliner Professor den vierten und abschließenden Band seiner „Geschichte des Westens“ vor. Der reicht vom Untergang der Sowjetunion 1991 bis zur Ukraine-Krise im November 2014.

Das vergangene Jahr könne als Zäsur in die Geschichte eingehen, meint der Historiker: Das Vordringen der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ verschiebe die Gewichte im Nahen Osten, lasse ein Annäherung zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten zu. Der Anspruch Chinas auf das südchinesische Meer mache den Pazifik zu einer Weltregion, die für die USA künftig wichtiger sein werde als Europa. Winkler weiß um die Risiken solcher Urteile: Entwicklungen sind im Fluss, können ganz anders enden als erwartet. Viele Quellen stehen zudem noch nicht zur Verfügung. Ausweichen, so Winkler, dürfe man der Beschäftigung mit der allerjüngsten Vergangenheit deshalb aber nicht.

Winkler geht es um das „normative Projekt des Westens“: Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Rechtssicherheit, symbolisiert durch die Amerikanische Revolution 1776 und die Französische Revolution 1789. Die friedlichen Revolutionen von 1989 hätten die Diskussion um die westlichen Werte innerhalb des Westens zwar zu einem vorläufigen Abschluss gebracht, so Winkler. Der universelle Geltungsanspruch der Menschenrechte verspreche trotzdem, eines der großen Themen des 21. Jahrhunderts zu werden.

Mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums beginnt Winkler seine Darstellung. Eine Zäsur, gewiss, aber auch ein Beispiel für die Beharrungskräfte älterer Traditionen: Das nachsowjetische Russland wurde von einer explizit antiwestlichen orthodoxen Kirche und einem zaristischen Großmachtdenken geprägt. Ein Vierteljahrhundert nach dem Umbruch steht mit Wladimir Putin ein Mann an der Spitze des Landes, dessen Aufstieg im sowjetischen Geheimdienst begann. Die Ukraine-Krise ist der Schlusspunkt des Werks. Die USA auf der anderen Seite leiden noch immer unter gigantischen Staatsschulden, die Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren anhäufte, um Rüstungsausgaben zu finanzieren. Eine kurzzeitige Atempause unter Bill Clinton verpuffte, als sein Nachfolger George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schnell und umfangreich ins Militär investierte. Die Widersprüche des Westens, die Missachtung der westlichen Werte, werden nicht verschwiegen.

Winkler konzentriert sich auf die Politikgeschichte. Wirtschaftliche Aspekte fließen ein, Kultur- und Sozialgeschichte bleiben Randaspekte. Dabei bringt Winkler einen bemerkenswerten Detailreichtum zu Papier. Wer sich über die italienische Innenpolitik der frühen 1990er Jahre oder den Vertrag von Nizza informieren möchte, wird umfangreich fündig. Doch natürlich setzt Winkler Schwerpunkte: Die Europäische Union, der Krieg gegen den Terror und die Weltfinanzkrise.

Winkler hat eine Art Weltgeschichte der westlichen Werte geschrieben, über vier Bände von der Antike bis zur Gegenwart. Obwohl der Westen aktuell uneinig wirkt, autokratische Systeme wie in China und Russland auf globalem Vormarsch zu sein scheinen – Winklers Fazit ist zuversichtlich: Die Anziehungskraft der Ideen von 1776 und 1789 sei ungebrochen, die „Wühlarbeit“ des westlichen Projektes noch lange nicht zu Ende.

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart. C. H. Beck: München. 687 S., 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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