Heinrich August Winklers Buch „Zeit der Weltkriege“

Von Jörn Funke ▪ Deutschland, da ist sich Heinrich August Winkler ganz sicher, gehört zum Westen. Und dennoch hat sich das Land den zentralen Werten des Westens gleich zweimal entgegengestellt – und das ebenso entschieden wie erfolglos. „Die Zeit der Weltkriege 1914–1945“ heißt der zweite Band von Winklers voluminöser „Geschichte des Westens“, in dem Deutschland eine zentrale Rolle einnimmt.

Winkler hatte den ersten Band vor zwei Jahren vorgelegt und darin die Entstehung der westlichen Welt geschildert, von den griechischen Stadtstaaten bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs. Das Projekt des Westens verdeutlichen für ihn die Amerikanische (1776) und die Französische Revolution (1789), die die Idee von Demokratie und Menschenrechten langfristig etablierten.

Deutschland, schreibt Winkler nun, habe versucht, dieses Rad der Geschichte mittels zweier Weltkriege zurückzudrehen. Eine Ausnahmezeit nennt der Berliner Historiker diese Jahre. Er schildert die Abgrenzung vom Westen mittels der „Ideen von 1914“, die eine „Absage an Liberalismus und Indivdualismus“ darstellten, und zeigt den früh um sich greifenden Antisemitismus, mit dem konservative und nationalistische Kreise auf militärische Misserfolge und vermeintliche nationale Demütigungen reagierten. Der „Große Krieg“, wie der Erste Weltkrieg heute noch in Frankreich und Großbritannien heißt, war der Startschuss zu einer jahrelangen Gewaltorgie, die den Kontinent heimsuchen sollte. Der Krieg gegen Deutschland habe 1914 begonnen, sagte Charles de Gaulle 1941; Winston Churchill äußerte sich drei Jahre später ähnlich. Von einem Waffenstillstand statt eines Friedens nach 1918 spricht Winkler – aber diese Zwischenkriegswelt hätte womöglich Bestand gehabt, wenn die Weimarer Republik nicht wirtschaftlich untergegangen wäre.

Hier spielt die Ökonomie in Winklers Darstellung ausnahmsweise eine Rolle; ansonsten fühlt der Berliner Historiker sich einer rein politikgeschichtlichen Darstellung verpflichtet. Die mündet in der Katastrophe des Nationalsozialismus und im deutschen Untergang im Zweiten Weltkrieg. Der Holocaust, die zentrale Frage der neueren deutschen Geschichte, war hier möglich, so Winkler, weil das gesamte Land sich den Werten des Westens verweigert hatte – darauf konnte Adolf Hitler sich verlassen.

Wie Deutschland und der Westen sich weiterentwickelten, wird Thema eines dritten Bandes sein.

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914–1945. Verlag C. H. Beck, München. 1350 S., 39,95 Euro.

Quelle: wa.de

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