Haydns „Schöpfung“ gelingt unter Corona-Bedingungen im Konzerthaus

Auf voller Bühne interpretiert das Balthasar-Neumann-Ensemble unter Leitung von Thomas Hengelbrock Haudyns „Schöpfung“ im Konzerthaus Dortmund. Fotos: Björn Woll

Dortmund – Auf den ersten Blick ist die festliche Saisoneröffnung im Konzerthaus Dortmund nüchtern geworden. Buchstäblich. Statt Sektempfang gibt’s im Foyer eine Art Verschiebebahnhof zwischen Absperrbändern und Plexiglasschaltern, damit die Abstände eingehalten werden. Das Schöne aber ist: Das ist den allermeisten Besuchern – knapp die Hälfte der 1550 Sitze im Saal durfte belegt werden – mehr oder weniger egal. Hauptsache: wieder Musik.

Intendant Raphael von Hoensbroech erscheint erleichtert, sogar ein wenig triumphierend auf der Bühne zu seiner üblichen Saisonbeginn-Ansprache. Er sieht sein Haus in einer Führungsposition, denn es veranstaltete das erste große Chorkonzert in ganz Deutschland überhaupt seit März: Haydns „Schöpfung“, farbenprächtig und emotional musiziert vom Balthasar-Neumann-Ensemble und -Chor unter Leitung von Thomas Hengelbrock. „Es wird Zeit, dass wir wieder Musik erleben, und zwar live“, so von Hoensbroech. Dafür erntet er den ersten herzlichen Applaus der Saison.

Den Menschen hat die Musik gefehlt. Das lässt sich am Applaus ermessen, der vielleicht schon mal üppiger klang, doch selten so warm. Haydns Oratorium war eine gute Wahl für diesen Abend. Farbenfroh und lautmalerisch genug, um im Klang zu schwelgen, mit einem Chorpart, der kaum attraktiver sein könnte, gesungen vom Balthasar-Neumann-Chor mit Präzision und mitreißender Kraft. Die wohl berühmteste Stelle aus dem ersten Chor, „Es werde Licht“, mit dem überwältigenden Orchestercrescendo, fängt die Zuhörer emotional ein: Wir sind wieder da! Bei allen Entbehrungen, die das bedeutet, denn die Sänger und Musiker traten ohne Abstand auf. Dafür haben sie zuvor in Selbstisolation gelebt und sich binnen vier Tagen drei Coronatests unterzogen.

Diesen Chorpart hätte man auch nicht ausgedünnt hören mögen. Der Balthasar-Neumann-Chor bespielt freudig eine Klangpalette vom schimmernden Staunen über die beginnende Schöpfung, vom erwartungsvollen Aufdämmern bis hin zu strahlendster Leuchtkraft. Die Duette Adams und Evas im dritten Teil hört man selten so zärtlich begleitet.

Das Balthasar-Neumann-Ensemble, ebenfalls in Vollbesetzung angetreten, schwelgt bis zum Überschwang. Die Dissonanzen des Anfangs kommen fahl, aber schon kantig daher. Als entstehe die Schöpfung nicht erst als dankbare Kreation, sondern vergewissere sich vom ersten Ton an ihrer selbst. Im ersten Aufscheinen des Lichts liegt Muskelkraft. Unter Hengelbrocks Leitung gibt es gewisse Ruppigkeiten, die im Überschwang verziehen seien. Er erfreut sich an verspielten Details, wie den Kontrabässen, die Raphaels Rezitative mit Doppelsinn versehen. Der Lobpreis Gottes klingt stellenweise weniger nach Weihrauch, mehr nach Theaterdonner. Den sich wälzenden Leviathan hört man im Orchester spritzen und Wirbel machen. Und wenn es heißt, dass den Boden der Tiere Last drückt, hat der Fagottist an seinem Instrument mit Dämpfer diebische Freude.

Das Quintett der Solisten wurde so viel Spielfreude mehr als gerecht. Das Engeltrio sangen der feinfühlige Julien Prégardien als Uriel, Robin Johanssen als Gabriel mit müheloser Lufthoheit und kecker Freude in den Arien „Nun beut die Flur“ und „Auf starkem Fittiche“ sowie Florian Boesch als Raphael. Gerade Boeschs Raphael hat auch einiges vom Theaterdonner. Der ungeheuer wandlungsfähige Bariton klingt, wenn er will, ehrfurchtgebietend wie Marmor, erlaubt sich aber immer wieder geschmackvoll eingebundene lautmalerische Spielereien, sirrt, als er von „Inssssekten“ singt oder tupft ganz zart „Schneeflocken“ im zweiten Rezitativ hin (begleitet von Ulrike Payer am Hammerflügel). Empfindsam klingen die Duette Adams und Evas (André Morsch, Katja Stuber). Stubers warme, hingebungsvolle Eva mit der mühelos erblühenden Leuchtkraft ist ein besonders Vergnügen in dieser Aufführung.

Nach einem solch geschlossenen Werk ist kein da capo üblich, aber der sichtlich begeisterte und bewegte Thomas Hengelbrock ergriff, nachdem die ersten Zuschauer schon auf dem Heimweg waren, noch das Wort. Er wolle, sagte er, die Zugabe allen Musikern widmen, die hoffentlich bald wieder für ihr Publikum spielen und singen dürften: den wunderbar tröstenden Chor von Felix Mendelssohn Bartholdy „Denn er hat seinen Engeln befohlen“.

Danach gab’s sogar noch den Sekt: Das Konzerthaus ließ an die Heimgehenden Piccolöchen verteilen. Eine Portion flüssiger Optimismus.

Quelle: wa.de

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