Haus Kemnade lässt mit „Kemnade klingt!“ aufhorchen

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Hoch in die „Alpen“ geht’s bei der Installation von Simone Zaugg: „Luegit vo Bärg u Tal“, zu sehen in Hattingen.

HATTINGEN-KEMNADE - Wenn das batteriebetriebene Motörchen surrt, lässt es an federndem Stab eine kleine Holzkugel über die Stahlsaiten des Klaviers tanzen, einige unbeholfene Töne entstehen. Der Motor wird elektronisch ein- und ausgeschaltet, entsprechend schwingen oder schweigen die Saiten. Fünf historische Klaviere im Raum sind derzeit mit dieser Technik ausgestattet, so dass, wenn sie im Wechsel erklingen, der Eindruck von Kommunikation entsteht.

Stephan Froleyks, Jahrgang 1962, der am Niederrhein und in Münster lebt, hat sich diese Klanginstallation ausgedacht, die die Besucher ins Grübeln bringen kann über Klang, Geräusch, Musik, über Signale jenseits der Stille. Zu erleben ist sie in der Sonderausstellung „Kemnade klingt!“ in Haus Kemnade – unter anderem in Räumen, die die Msuikinstrumentensammlung Grumbt beherbergen.

Minimalismus prägt die Arbeiten aller acht Künstlerinnen und Künstler. Trotzdem war dieses Ausstellungsprojekt für den Bochumer Kunstverein als Ausrichter fast schon eine Nummer zu groß. Deshalb preist sein künstlerischer Leiter Reinhard Buskies voller Dankbarkeit die beiden privaten Sponsoren, die Beckumer Marianne Blumenbecker Stiftung und die Herdecker Richard-Dörken-Stiftung.

In Simone Zauggs Installation „Luegit vo Bärg u Tal“ müssen Aluleitern die Alpen geben. Oben auf ihnen sind Lautsprecher mit Bewegungsmeldern installiert, und wenn diese Bewegung melden, weil ein Ausstellungsbesucher, was ausdrücklich erlaubt ist, eine Leiter erklommen hat, dann erklingt nämliches Volkslied aus der Konserve, gesungen von der Berner Künstlerin (Jahrgang 1968) persönlich. Der Titel, man ahnte es, ist Schweizerdeutsch und lautet übersetzt in etwa „Blick vom Berg ins Tal“. Wenn zeitnah mehrere Leitern erklommen werden, wird der Gesang polyphon. Dann grüßen sich gleichsam die Alpengipfel, und das klingt schön und seidig durch den Raum und ist leider schnell vorbei. Bis wieder ein Bewegungsmelder anschlägt.

Vielstimmiges produziert auch Mathilde ter Heijnes Anordnung von Transistorradios. Leise beginnend ballen historische Brandreden verschiedener Politiker sich schließlich zu einem aufwühlenden Crescendo. Sie kommen von der CD, die ursprünglichen Erzeuger sieht man hier ebenso wenig wie in der Arbeit von Nik Nowak (Jahrgang 1981), wo sie sogar live auftreten. Der Berliner Künstler arbeitet mit Geräuschen, die Grillen – in zugesichert artgerechter Haltung! – machen, verstärkt und bearbeitet sie und lässt sie im Raum erklingen. Die Grillen sitzen dabei unsichtbar in ihrem Terrarium – in einem zackigen Lautsprecher-Kubus aus schwarzem Schaumstoff.

Torsten Bruch (Jahrgang 1973) zeigt zwei Videoarbeiten, in denen zum einen vier Chinesen „Die Gedanken sind frei“, zum anderen eine fröhliche Lederhosenkombo das Kinderlied „Laurentia“ singen. Schließlich trifft man auf die Klanginstallation von T.D. Finck von Finkenstein. Er hat, ist zu erfahren, in Haus Kemnade Klänge der alten Instrumente eingesammelt, diese im Studio überarbeitet und zu einem recht süffigen Soundtrack mit lockerer Rhythmusunterlage gemacht. Wir erleben also das Werk eines Musikers und wundern uns deshalb nicht, dass sich hinter dem prunkvollen Namen der Musiker Tommy Finke verbirgt, der ab der kommenden Spielzeit im Dortmunder Schauspielhaus als musikalischer Leiter die Nachfolge Paul Wallfischs antreten wird.

Draußen vor der Burg hat Dodo Schielein, 1968 in München geboren, mit einigen Hinweisschildern einen akustischen Parcours geschaffen, der mit so etwas wie „Hör-Anweisungen“ den vielfältigen Sound der Umwelt ins Bewusstsein bringen will.

Und schließlich ist da Denise Ritter (Jahrgang 1971), die das alte Kemnader Gemäuer mit einem speziellen Soundtrack beschallt. Ihr geht es um die Wahrnehmung von Stein, Gebäude, Naturraum und Umgebung in ihrer engen Bezüglichkeit – ein wenig auch in Unterscheidung zu dem, was heutzutage in dem alten Gemäuer geschieht. Der Mix aus Museum, Naherholungsziel, Standesamt, Baudenkmal und Gaststätte nämlich scheint ihr eine „kuriose Nutzung“ zu sein, wiewohl alternativlos. Die Geräusche – im Studio nachbearbeitet – kommen aus dem Steinbruch „Grandi“ in Herdecke, der als einer der letzten noch Ruhrsandstein abbaut – das lokale Material, aus dem auch Kemnade einst errichtet wurde. Wie immer man dies findet: Indem sie den Ausstellungsort akustisch reinszeniert, ist Denise Ritters Arbeit die einzige, die sich dezidiert mit ihm befasst.

Politisch-kritische Valeurs sind bei den ausgestellten Arbeiten nur vereinzelt auszumachen. Häufiger hat man das Gefühl, es mit fein zusammengebastelten, jedoch etwas emotionsarmen Arbeitsproben zu tun zu haben. Doch da mögen die Meinungen auseinandergehen, und am besten fährt man selber hin und macht sich sein eigenes Bild. In jedem Fall bleibt der Kemnader Schau das Verdienst, eine tonlose Ansammlung von Musikinstrumenten (der Sammlung Grumbt) um etliche Töne zu bereichern. An einigen Punkten jedenfalls.

Rolf Pfeiffer

Die Schau

Ausflug in minimalistische Klangwelten, die von acht Künstlers aus der Region installiert sind und vereinnahmen wie überraschen.

Kemnade klingt! Aktuelle Positionen der Klangkunst, Medienkunst und experimentellen Musik in und um Haus Kemnade. An der Kemnade 10, Hattingen.

Bis 18. Oktober, do-so 12 bis 18 Uhr, Eintritt frei

Quelle: wa.de

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