Hauptmanns „Rose Bernd“ mit Jana Schulz in Bochum

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Goldflitter an den Beinen, aber ohne Hoffnung: Rose Bernd (Jana Schulz) in der gleichnamigen Inszenierung des Dramas von Gerhart Hauptmann am Schauspielhaus Bochum.

BOCHUM - Am Anfang ist das Ende. Rose wischt sich Goldflitter vom Körper, sie zieht ihre Trikotage an und sagt dem Gutsbesitzer, dass sie einen braven August heiraten wird. Aber der Abschied vom heimlichen Sex und der Start in ein Eheleben bringen keinen Wechselreiz mit sich. „I wees o ni“, sagt Rose und wirkt zerfahren; sie fügt sich in ein Dasein, das ihr immer fremd scheint. Schon jetzt verströmt die Inszenierung am Bochumer Schauspielhaus eine Ausweglosigkeit, die in anderen Sozialdramen erst im Finale um sich greift.

Regisseur Roger Vontobel spitzt nicht die Dramastruktur von Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ an erzählerischen Eckpunkten zu, sondern öffnet einen lichtarmen Bühnenraum (Claudia Rohner), der jeder Figur ein schräges Podest für die eigene Existenz wird. Leidensprofile folgen.

Allen voran spielt Jana Schulz jene Rose, die im deutschen Dramenkanon einen Opferstatus einnimmt, der sie als von Männern gehetztes und verbrauchtes Wesen stigmatisiert. Wieviel Goldflitter ist nötig, um ihren Traum vom Leben anzuwärmen oder mit Zuversicht zu färben? Die Bühnentechnik in Bochum ist pausenlos beschäftig, diese lichtflirrende Rieselhilfe ins bittere Landleben schlesischer Urstände zu streuen. Das gibt der Inszenierung im Schauspielhaus etwas unwirklich Traumhaftes. Regisseur Vontobel verbraucht das Mittel des Illusionstheaters aber nicht im Szenenwechsel. Vielmehr schafft er mit diesem Kunstgriff eine zweite Empfindungsebene, die die Sehnsucht nach Glück wach hält, so schlecht es Hauptmanns Titelfigur auch gehen mag. So ein Theater erstaunt auf tröstliche Weise.

Jana Schulz gelingt es, Rose Bernds innere Zerrissenheit sichtbar zu machen, während sie von allen absichtsvoll missbraucht wird. Liebhaber, Frauenheld, Vater und letztlich auch Bräutigam werden so in ihrem Eigensinn ausstellt, ohne ganz verurteilt zu sein. Schulz zeigt aber noch mehr, sie formt die Schicksalsgeschichte einer Waise, die immer beäugt und ohne Liebe groß wurde, körperhaft. Wie ihre Arme steif aus den Schultern hängen, so nimmt sich ein Mensch kaum wahr. Ihr Handeln wird von außen geführt, ob zur Arbeit oder zum Sex – immer genötigt. Roses größtes Unvermögen ist der eigene Wille, er bleibt konturlos, aberkannt. Als der Gutsherr singt, tanzt sie verkrampft, mit unsicherem Schwung, gehemmt – eine Spur selbstbestimmt. Jana Schulz gelingt eine ergreifende Fallstudie. Ihre berührende Rose trägt das uneheliche Kind in sich, und ist einmal mutig, als sie ihren Vergewaltiger laut als Verbrecher beschimpft. Im folgenden Konflikt verliert ihr Bräutigam ein Auge, und die Blechbläser am Bühnenrand lassen Roses Trauma zum großen Dröhnen anschwellen. Auch beim Volkfest („Ich bin ein Jägersmann“) herrschen Tumult und Veitstanz. Jede Szene öffnet einen Kampfplatz, wo die Mitleidslosen lauern. Michael Schütz schiebt den Streckmann schnüffelnd wie einen getriebenen Bock an Rose heran. Gleichzeitig wird der Maschinist mit der Dreschmaschine als unliebsamer Emporkömmling gezeigt, der immer auf der Hut sein muss vor den rivalisierenden Neidern. Den Gutsherrn Flamm spreizt Olaf Johannessen in seiner Selbstgerechtigkeit eitel wie bubenhaft. Ein Choleriker, der mit Frau und Kapital vereinsamt. Katharina Linder legt sie erst duldsam an und zeigt sie dann spitzfindig, als die eigene Moral wackelt und sie eilfertig eine Aussprach zum Standgericht für die verleumdete Dienstmagd Rose wandelt. Buchbinder Keil, der frömmelnde Bräutigam (Nils Kreutinger), zielt auf ein gottgefälliges Leben fern der profanen Wirtschaftswelt. Er lässt von Rose ab, als er das Blut einer Kindsmörderin an seinen Händen spürt. Wer könnte es ihm verübeln? Matthias Redlhammer gibt den harten Vater als drangsalierten Landmann. Arbeit und Armut haben ihn erschöpft. Vor Gericht will er gegen Streckmann sein Selbstbild schützen. Stattdessen wird die Passionsgeschichte seiner dann meineidigen Tochter um eine Station erweitert.

Regisseur Vontobel zeigt für alle Figuren Verständnis. Und Rose wird einmal im Goldsternstaub unsichtbar, als ob alle Märchen beschworen würden, ihr jene Menschlichkeit zu schenken, die auch andere so sehr benötigen. „Es ist dunkel“, sagt Rose, das „Vater unser“ hilft nicht, ihr Mann kann sie nicht halten, und „das Dingelchen“ liegt an der großen Weide. Aus.

Die Spielfassung von Roger Vontobel und Marion Tiedke zielt mit der gesprochenen schlesischen Mundart nach Hauptmann auf Siedlerbewegungen, die schon damals auch Einzelschicksale waren. Diese Erkenntnis aktualisiert das Schauspielhaus Bochum mit ergreifender Hingabe.

10., 18., 29. 10., 1. 15. 11.;

Tel. 0234/3333 5555; www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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