Der Hartware-Medienkunstverein zeigt die Schau „His Master’s Voice“

Großer Auftritt für eine Puppe: In Asta Grötings Video „The inner voice“ spricht sie mit verschiedenen Stimmen, je nachdem, welcher Puppenspieler sie gerade einsetzt. Zu sehen im Hartware Medienkunstverein.  Foto: Gay

Von Marion Gay - DORTMUND–Vergeblich ruft der Mann in die Landschaft. Seine unzähligen „Hallos“ verhallen ohne Antwort. In seiner ersten Videoarbeit „Rufen bis zur Erschöpfung“ (1972) versagt Jürgen Gerz nach rund einer halben Stunde die Stimme.

In der sehens- und hörenswerten Ausstellung „His Master’s Voice“ präsentiert der Hartware Medienkunstverein HMKV im Dortmunder U 28 internationale künstlerische Projekte, die sich mit dem Thema Stimme und Sprache auseinandersetzen. In gewisser Weise knüpft das an die Cage-Ausstellung zum Thema Stille an. Die Videos, Performances und Webprojekte aus den letzten vierzig Jahren kreisen um die Mysterien und Unheimlichkeiten des Sprechens und untersuchen die Stimme als politisches und manipulatives Mittel. Wie handeln wir durch Sprache – wie handelt Sprache durch uns?

Zu sehen ist beispielsweise die beklemmende Installation „Hate Radio“ (2011–12) des Schweizer Regisseurs Milo Rau unter dem Namen „International Institute of Political Murder“. Die Videos und Radiostudiokulisse beziehen sich auf den afrikanischen Radiosender RTLM, der 1994 zwischen fetziger Popmusik und Sportreportagen seine Hörer mit rassistischer Ideologie überflutete und zum Völkermord in Ruanda aufrief.

Beklemmend auch die zweikanalige Videoinstallation „Interrogation“ des litauischen Künstlers Ignas Krunglevicius. Es ist eine Dokumentation der polizeilichen Vernehmung einer Frau, die ihren Mann ermordet hat. Manipulative Fragen und die zögerlichen Antworten darauf sind auf der Wand zu lesen, untermalt von pulsierenden Tönen. Im Laufe der Befragung bekommt man unweigerlich Mitleid mit der Frau, die verbal in die Ecke gedrängt wird.

Aber können wir Stimmen überhaupt trauen? Im anonymen Web-Video „Transgender voice“ demonstriert eine vermeintliche junge Frau, wie leicht sich elektronisch die Stimme verändern lässt. Und plötzlich erkennt man, dass sich hinter dem geschminkten Gesicht und der Zöpfchenfrisur eigentlich ein Mann verbirgt. Böse auch das „Barbie-Projekt“: Per Knopfdruck zwitschert Ken mit weiblicher Stimme: „Wollen wir shoppen gehen?“. Klar, dass er auf der Stelle umgetauscht wird.

Die Videoinstallation „The perfect sound“ (2009) von Katarina Zdjelar zeigt einen Mann im mittleren Alter, der einem jungen Mann einzelne Silben vorsingt, die der andere wiederholt. Die Szene stammt aus einem Kurs zur Verbesserung der Aussprache für Immigranten in Birmingham. In Großbritannien verweist der Akzent nicht nur auf die ethnische Herkunft, sondern ist eins der letzten verbleibenden Merkmale des britischen Klassensystem und entscheidet über die kulturelle Integration.

Witzig sind Asta Grötings kurze Videos „The inner voice“ (1993–2004), in denen sie ihre selbstgebaute, ein bisschen unheimlich wirkende Bauchredner-Puppe naiv-eindringliche Fragen stellen lässt. „Du würdest mich verstehen, wenn du mich liebtest … Ich liebe dich, aber vielleicht könntest du es trotzdem erklären? …“

Eine autobiografische Geschichte über die Suche nach den verloren gegangenen Wörtern seiner Mutter erzählt Anri Sala in seinem 26-minütigen Video „Intervista“ (1998). Er war 23, als er in seinem Elternhaus eine Filmrolle fand, die einen Kongress der Kommunistischen Partei Albaniens in den 70ern zeigt. Neben Diktator Enver Hoxha ist Salas Mutter zu sehen, die anschließend ein Interview gibt. Allerdings ist nichts zu hören, die Tonspur fehlt. Konfrontiert mit dem Filmmaterial kann sich die Mutter an nichts mehr erinnern. Also macht sich der Künstler auf die Suche nach Leuten, die von den Lippen ablesen können, und rekonstruiert den Ton. Jetzt muss sich seine Mutter der Vergangenheit stellen.

His Master’s Voice im Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U, 3. Etage.

Bis 7. Juli; di – so 11 –18, do, fr 11 – 20 Uhr,

Tel. 0231/ 823106

www.hmkv.de

Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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