Der Hartware Medienkunstverein zeigt Arbeiten des Duos Korpys/Löffler

Schmerzhafte Erfahrung: Ein Polizeibeamter testet ein Elektroschockgerät. Das Videostill aus der Arbeit „Gesang der Jünglinge“ (2009) des Künstlerduos Korpys/Löffler ist im Dortmunder U zu sehen. - Fotos: HMKV/© Korpys/Löffler, VG Bild-Kunst

DORTMUND - Der Polizist verkrampft sich, sackt in die Arme seiner beiden Kameraden, die ihn auffangen und langsam zu Boden lassen. Einer hält den Kopf. Langsam geht das, eine Choreografie in Zeitlupe. Dann der Nächste, der mit einem unsicheren Lächeln den Einschlag erwartet. Dazu erklingt ein ätherisches Wirrwarr aus Knabenstimmen, man vernimmt Wortfetzen, „Preiset den Herrn“. Am Ende ist das Video „Gesang der Jünglinge“ eine Art Passionsspiel.

Tatsächlich haben Andree Korpys und Markus Löffler 2009 darin eine Schulung zum Einsatz von Elektroimpulswaffen dokumentiert. Die jungen Polizisten sollen später diese Betäubungswaffe einsetzen. Zuvor müssen sie geradezu rituell den Schock selbst erdulden. Das sieht wie eine religiöse Initiation aus, besonders weil hier die Qual begleitet wird durch die Fürsorge der Assistenten. Und Karlheinz Stockhausens titelgebender „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“, ein Klassiker der elektronischen Musik von 1955, verstärkt die sakrale Atmosphäre in der Schlusspassage des Films. Am Anfang hat man dieses Ausprobieren schon gesehen, aus der Distanz, geradezu nüchtern.

Zu sehen ist das eindringliche Video in der Ausstellung „Personen, Institutionen, Objekte, Sachen“ beim Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U. Korpys/Löffler, die seit 25 Jahren als Duo arbeiten, zeigen darin elf Installationen und Werkserien, in denen sie sich mit Macht und Institutionen auseinander setzen.

Unter der nüchternen Aufzählung „Personen, Institutionen, Objekte, Sachen“ fasste Horst Herold, der Präsident des Bundeskriminalamts, anfang der 1970er Jahre ein Archiv aus Datenbanken, das zur Rasterfahndung dienen sollte. Es war eine analoge Urform heutiger Sammelsysteme etwa von Google oder Facebook. Und es ist auch eine subversive Videoinstallation von 2014, die in Berlin am damals noch unvollendeten Neubau des Bundesnachrichtendienstes entstand. Natürlich bekamen die Künstler keine Drehgenehmigung für die Baustelle. Aber sie umkreisen den gewaltigen Komplex, zeigen die monströsen Ausmaße des Baukörpers. Sie filmen aus einem gegenüberliegenden leerstehenden Haus. Sie bespitzelten die (noch nicht anwesenden) Spitzel. Sie sammelten Dinge, einen benutzten Einweghandschuh, einen entleerten Tabletten-Blister, einen schmuddeligen Zeitungsfetzen, als wären es Beweisstücke, die dann als Einblendungen gezeigt werden. Die Tonspur besteht aus Telefonmitschnitten. Korpys/Löffler riefen bei verschiedenen Nachrichtendiensten der Bundesrepublik an. Die Beamten hörten dann entweder Schweigen oder aber rätselhafte Botschaften wie „Handschuh, Latex“. Da entlarvt der Telefonstreich die Absurdität des Agententreibens, ohne das Bedrohliche des Betriebs zu unterschlagen.

Die Künstler, die heute als Dozenten an der Hochschule für Künste Bremen lehren, arbeiten mit verschiedenen Medien, zum Beispiel auch mit Skulpturen und Objekten. In der Dortmunder Ausstellung, einer Kooperation mit der Kunsthalle Tübingen und dem Kunstverein Braunschweig, stehen Videos im Zentrum, obwohl auch Fotoarbeiten und die eher skulpturale Installation „The Last American“ zu sehen sind. Korpys und Löffler gehen in ihren Videos dokumentarisch vor, fast wie Journalisten. Bei Staatsakten und Großereignissen akkreditieren sie sich auch wie Reporter. Aber sie zeigen nicht das offizielle Geschehen, die Inszenierung von Politik, sondern das Getriebe am Rande und hinter den Kulissen.

In der aktuellen Arbeit „Echokammer“ (2018) zum Beispiel begleiten sie den G20-Gipfel im Juli 2017. Aber sie fokussieren sich nicht auf die Inszenierung von Regierungsarbeit, die sich in TV-Nachrichten mit Ausschnitten von Pressekonferenzen und zum Handschlag posierenden Politikern abbildet. Und sie blenden auch die massiven Proteste und gewalttätigen Konflikte in Hamburg aus. Stattdessen bewegen sie sich auf dem Flugfeld, zeigen, wie Helfer die Fahnen für die eintreffenden Staatsgäste arrangieren oder wie mit Kreide die richtige Position für die Gewehrkolben der Ehrengarde markiert wird. Man sieht US-Präsident Obama aus dem Flugzeug treten. Und Bundeskanzlerin Merkel betritt den Saal für eine Pressekonferenz. Man sieht nicht, was sie sagen wird. Aber man staunt über die Choreografie von Kameras und Mobiltelefonen, die sich auf sie richten und wie eine Welle ihrem Weg folgen. Man sieht das gewaltige Getriebe des Pressezentrums mit den immer gleichen Arrangements für Korrespondenten, die vor einer Kamera in ein Mikrophon sprechen. Das alles wird mit einer dramatischen, aber leisen Filmmusik unterlegt.

Das alles ist schön anzusehen – und in seiner ästhetischen Aufbereitung unterläuft es die Strategien politischer Kommunikation, die relativ banale Handlungen in die Aura von Bedeutsamkeit und Macht hüllen.

Weitere Arbeiten setzen sich mit Aldi und der Familie Albrecht auseinander („Discount“, 2015), dem Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt („Verwisch die Spuren!“, 2016) und dem Ground Zero in New York, dem Ort der Terroranschläge vom 11. September 2001 („Reflecting Absence“, 2016). Eine überaus anregende Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Macht.

Bis 23.9., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 49 66 420, www.hmkv.de,

Katalog, Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen, 25 Euro

Quelle: wa.de

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