Der Hartware-Medienkunstverein beleuchtet in „Afro-Tech“ ein Pop-Phänomen

+
Sängerin Santigold als Monster: Still aus Wangechi Mutus Video „The End of Eating Everything“ (2013).

DORTMUND - Die Afrikanerin mit der golden schimmernden Mütze beschwichtigt ihre besorgten Begleiter über den abgerissenen Weißen. „Er kommt aus Europa. Er muss Furchtbares erlebt haben.“ So führen die drei den Gestrandeten durch eine bizarre Landschaft, eine Felssteppe, die fremdartig schimmert.

Simon Rittmeiers Kurzfilm „Drexciya“ spielt in einer Zukunft, in der sich die Verhältnisse umgekehrt haben. Thomas ist in Afrika gestrandet. Der Deutsche ist ein Schlepper, der Flüchtlinge aus dem verwüsteten Europa nach Afrika bringt. Aber sein Boot sank. Er als einziger Überlebender hofft, die futuristische Stadt Drexciya zu erreichen. Drei Afrikaner in exotischer Kleidung, mit seltsamen Geräten wie papierdünnen Computern helfen ihm.

Der Film läuft in der Ausstellung „Afro-Tech“ im Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U. Die Schau arbeitet mit 20 Arbeiten das Konzept des Afro-Futurismus auf, das eine eigene Ästhetik und Technologien gegen die Vorherrschaft des „globalen Nordens“ setzt. Schlüsselfiguren sind oft Musiker wie der Pianist und Komponist Sun Ra (1914–1993), eigentlich Herman Blount, der seinen Jazz mit einer Privatmythologie anfüllte. Er bezog sich auf den ägyptischen Sonnenkult und behauptete, den Saturn besucht zu haben. Sun Ra trat in bizarren Kostümen auf. Seine Form der Gegenkultur war nicht explizit politisch, inspirierte aber zahlreiche Nachfolger.

Vom Jazz bis zu Techno und Hip-Hop gab es immer wieder schwarze Musiker, die solche Fluchtträume entwickelten, eine Subkultur, in der die Schwarzen fortgeschritten und vorherrschend waren. Ob nun die Funkband Parliament die „Mothership Connection“ suchte, ob die Rapper von Public Enemy die „Fear of a Black Planet“ beschworen, DJ Spooky den „Galactic Funk“ auflegte oder der Dub-Reggae-Pionier Lee „Scratch“ Perry von sich behauptete: „I‘m not a human being“, sie alle stehen in der Nachfolge Sun Ras. In Dortmund kann man an Laptop-Stationen stundenlang spacige Black Music erleben.

Auch das Konzept von Drexciya wurde in musikalischem Kontext geboren: Das Detroiter Techno-Duo Drexciya entwarf in mehreren Konzeptalben eine afrofuturistische Welt, in der der Name eine Stadt unter dem Meer bezeichnete, besiedelt von den Nachfahren ermordeter schwarzer Frauen, eine Art schwarzes Atlantis. Die schwangeren Sklavinnen wurden über Bord geworfen, ihre ungeborenen Kinder entwickelten die Fähigkeit, unter Wasser zu überleben, und schufen eine fortschrittliche Kultur. Eine Art Altar mit DJ-Turntables und LP-Covern ist der Band gewidmet.

Es ist spannend zu verfolgen, wie sich solche mythischen Konzepte in der Popkultur als immer neue Inspiration erweisen. Der deutsche Filmemacher Rittmeier zum Beispiel bezieht sich mit seinem Film auf Drexciya, aber auch die britische Otolith Group mit einem Video. Sun Ra wiederum inspirierte die australische, inzwischen in New York ansässige Künstlerinnengruppe Soda_Jerk zu ihrer Videoinstallation „Astro Black“, in der Außerirdische die Erde besuchen. Dabei werden Schnipsel alter und neuerer Science-Fiction-Filme wie „Independance Day“ verfremdet. In den Motherships über den Metropolen sitzen keine Aliens, sondern schwarze Musiker wie Sun Ra und George Clinton.

In einigen Arbeiten bekommt die afrofuturistische Vision direkt politische Momente, zum Beispiel in den Fotoinszenierungen des belgisch-beninischen Künstlers Fabrice Monteiro. Er zeigt eine Elektroschrottdeponie, in der ein mystisches Wesen steht, eine Art Erdgeist, der vor der Umweltzerstörung warnt. Und die kenianische Künstlerin Wangechi Mutu lässt in ihrem Video „The End of Eating Everything“ die US-Sängerin Santigold zu einem monströsen schwebenden Robot-Drachen mit rauchenden Schloten auf dem Rücken mutieren, der immer wieder blutige Beute macht in einem flatternden Vogelschwarm. Auch dies eine Kritik am Raubbau an der Natur.

Doch die Utopien der Ausstellung sind nicht nur fiktiv. Zwei Arbeiten erinnern an die ganz realen „Afronauts“ des sambischen Raumfahrtprogramms. Der frühere antikoloniale Widerstandskämpfer Edward Makuka Nkoloso (1919–1989) hatte 1960 eine Wissenschafts- und Weltraumakademie gegründet und trainierte ein Astronautenteam, das vor Russen und Amerikanern auf dem Mond landen sollte. Der Plan wurde natürlich nie realisiert, aber das Selbstbewusstsein, unmittelbar nach der Dekolonialisierung ein solch globales Unternehmen anzugehen, wirkte fort. Cristina de Middel schuf Fotos von „Afronauts“ (2012). Der angolanische Künstler Kiluanji Kia Henda deutet in seiner Serie „Icarus 13“ (2008) die postkolonialen Bauten von Luanda um als Monumente des ersten Raumflugs zur Sonne, den natürlich Afronauts ausführten. Die Inszenierung ist eine düstere Ironisierung der trostlosen Gegenwart des afrikanischen Staats.

Und es gibt auch einige ganz praktische reale Exponate, die wirklichen technischen Fortschritt aus Afrika belegen. Zwölf technische Projekte zeigen, wie aus der afrikanischen Perspektive ausgesprochen innovative Problemlösungen entstehen, zum Beispiel Körperprothesen aus dem 3D-Drucker, die einen Bruchteil normaler medizinischer Prothesen kosten, oder die Lichtwesten, die für die Mofa-Fahrer in Kenia mehr Verkehrssicherheit schaffen.

Bis 22.4., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 49 66 420, www.hmkv.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare