Harry Rowohlt und Klaus Bittermann lesen vor

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Der Autor Klaus Bittermann (links) und sein Vorleser Harry Rowohlt am Tisch.

Von Ralf Stiftel Eigentlich lese ich am liebsten selbst. Aber manchmal muss man einfach eine Ausnahme machen. Die Betrachtungen und Milljöh-Geschichten von Klaus Bittermann nämlich, die höre ich mir an. Wenn sie der Autor und Harry Rowohlt vorlesen. Auf dem tollen Hörbuch „Alles schick in Kreuzberg“.

Da verleiht nicht nur Harry Rowohlt einigen Eckenstehern und Saufnasen aus Kreuzberg jenen warmen sonoren Sound, der sich ins Ohr schmeichelt. Man denkt, dass die beiden Bierpichler wirklich da stehen, die sich von ihren Abenteuern mit eifersüchtigen Ex-Lovern berichten. Sabines Ex steht nachts auf einmal mit geladenen Waffe in der Wohnung. „Hat der Spasti doch tatsächlich noch’n Wohnungsschlüssel, wa.“ Und am Ende fällt die auf die Straße, und alle suchen. Oder die Geschichte mit der rundlichen Frau, die einen harmlosen Freilufttrinker auf dem Heimweg der Vergewaltigung bezichtigt und die dann im Polizeiwagen mitfahren möchte. Und erst der jovial-unbestechliche Zollbeamte, der im breitesten Balinarisch auf den „jroßen Wellnessbereich“ hinweist.

Den Dialekt und all die Stimmen ruft Rowohlt am Podium ab wie ein Tastenvirtuose alle Register einer Silbermannorgel beherrscht. Und das verleiht Bittermanns feinen Momentaufnahmen aus dem Berliner Proll-Alltag und seinem Familienleben und manchen politischen Situationen die Vollendung. Auf dem Mitschnitt vom 17. April vor Publikum in situ, also in Kreuzberg, wechseln sich der Autor und Rowohlt ab. Und es spricht für Bittermann, dass auch die Geschichten, die er selbst liest, überzeugen.

Aber es gibt auf der Doppel-CD noch einen Mehrwert: Rowohlt kommt gern ins Erzählen. Dann steuert er schon mal bei, wie oft er selbst in eine Schießerei geraten ist. Gern berichtigt er auch, dass ein Hackenporsche nur ein Rollkoffer zum Verreisen sei, während das sehr ähnliche Gerät, das ältere Damen zum Einkauf benutzen, korrekt als „Kartoffelmercedes“ anzusprechen sei. Oder er korrigiert nonchalant einen Setzfehler: knabbern mit zwei p! Wozu man wissen muss, dass Bittermann seine Bücher nicht nur schreibt, sondern auch im eigenen Verlag herausbringt. Allein, wie Rowohlt Bittermanns Aussprache von Ephraim Kishon richtigstellt: „Ich dachte, das ist schon wieder ein französischer Autor, den ich verpasst habe.“ Und darum hör ich mir das so gerne an.

Obwohl: Das Buch wiederum bietet nicht nur eine Menge mehr Geschichten an, darunter zum Beispiel die hübsche Skizze aus der BVB-Fankneipe in Berlin. Dass Bittermann Fan der Schwarz-Gelben ist und die Bayern verabscheut, macht ihn ja nicht unsympathischer. Im Gegenteil. Seine kurzen Stücke überzeugen aber besonders, weil er nicht unbedingt die große Pointe rauskitzeln will, weil er sich oft zurückhält und dem Leser zutraut, dass er eine Anspielung versteht. Und außerdem hat das Buch etwas Unvorlesbares: Fotos. Das Bild von den Prachtkerlen und ihrem Chef mit der Riesenwampe auf Seite 56 zum Beispiel, das ist eine Geschichte für sich.

Harry Rowohlt/Klaus Bittermann lesen aus „Alles schick in Kreuzberg“ und „Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol“. 2 CD, 16 Euro

Klaus Bittermann: Alles schick in Kreuzberg. Edition Tiamat, Berlin. 240 S., 14 Euro

Quelle: wa.de

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