Harold Pinters Zwei-Personen-Drama „Asche zu Asche“ in Bochum

Beziehungsprobleme und düstere Erinnerungen: Szene aus „Asche zu Asche“ im Schauspielhaus Bochum mit Guy Clemens und Elsie de Brauw. Foto: Isabel Machado Rios

Bochum – Auf einmal hören die Zuschauer unangenehm intime Geständnisse, die die Frau im langen blauen Hausmantel macht. Dass sie die Faust eines Mannes küsste. Offenbar erzählt Rebecca ihrem Partner von der Beziehung zu einem anderen Mann. Immer wieder fragt Devlin nach. Widerwillig räumt sie Dinge ein.

Das geht nah, weil das Publikum auf der Bühne des Schauspielhauses Bochum sitzt. Und zwar nicht in ordentlichen Reihen, sondern auf kreuz und quer verteilten Stühlen (Bühnenbild: Nadja Sofie Eller). Auch hier spielt das Theater mitten unter den Leuten.

Die Darsteller Elsie de Brauw und Guy Clemens gehen zwischen den Zuschauern durch, setzen sich auf einen freien Platz, legen schon einmal die Hand auf eine Lehne oder sprechen jemanden an, der sich plötzlich als Mitspieler wiederfindet und nickt. Koen Tachelet inszeniert das Stück „Asche zu Asche“ von Harold Pinter sozusagen als gesteigertes Kammerspiel. Das passt sehr gut zum intimen Charakter des Zwei-Personen-Dramas.

Der 1996 entstandene Text ist eins der letzten Werke des 2008 gestorbenen britischen Literaturnobelpreisträgers. Darin thematisiert der Autor mit jüdischen Wurzeln zum ersten Mal die Vernichtung der Juden. Denn die Auseinandersetzung des Paars um einen Seitensprung oder eine verschwiegene frühere Beziehung überblendet Pinter auf verstörende Weise mit Erzählungen von Lagern, von einer Frau, der ein Kind weggenommen wird. Nach und nach verliert der Zuschauer die Sicherheit, was in diesem Gespräch eigentlich verhandelt wird. Unvermittelt fällt Clemens in einen scharfen Verhörton, spricht aggressiv. Sie hantiert nervös am Ärmel, an den Zipfeln ihrer Kleidung, fragt auf einmal nach einer Polizeisirene, und er legt auf einmal Wärme in seinen Ton und tröstet sie, dass es „wieder eine geben“ werde. Dann stehen sie plötzlich dicht beieinander. Werden sie sich küssen? Beschimpfen? Sie wenden sich voneinander ab. Dann läuft er um das rechteckige Spielfeld, bleibt stehen. Sie folgt ihm.

Man hört anders zu, wenn der Sprecher direkt neben einem sitzt. Und wie fühlt es sich an, wenn Clemens über einen Frisör spricht und dabei hinter einer Frau eine gedachte Haarmähne mit beiden Händen andeutet? Die Inszenierung schafft eine ungewöhnliche Nähe zum Geschehen. Man spürt, wie es da um ganz andere Dinge geht, als die Worte benennen. Aber das Unbehagen am Unausgesprochenen, das Grauen, das hinter den Sätzen lauert, das lässt dieser feine, stille Theaterabend die Besucher spüren.

Das Schauspielhaus bietet die Produktion jeweils als Doppelvorstellung an. Die Besucher der zweiten Aufführung werden etwas früher in den Saal der Kammerspiele geführt und erleben den Schluss der ersten Aufführung mit. Dann wechselt das Publikum.

28.2., 1., 2., 7., 8., 14., 15., 27.3.,

Tel. 0234 / 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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