Hardware Medienkunstverein Dortmund thematisiert Fake-News-Fotos: Winterpalast

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Nur scheinbar ein Zeitdokument: Das historische Foto vom „Sturm auf den Winterpalast“ (1920), zu sehen in Dortmund.

DORTMUND Auch ein Bild kann eine Lüge sein. Eins der prominentesten Beispiele für so eine visuelle Fake News ist Thema einer Ausstellung im Hartware Medienkunstverein im Dortmunder U. „Sturm auf den Winterpalast“ führt zurück in die russische Revolution.

Angeblich stürmten die Bolschewiken im November 1917 den Winterpalast in St. Petersburg, den damaligen Sitz der provisorischen Regierung Russlands. Tatsächlich hat es diese Massenaktion nie gegeben. Die Machtergreifung der Bolschewiken erfolgte unspektakulär. Revolutionäre betraten den Winterpalast durch das unverschlossene Haupttor und nahmen die Minister fest. Fotos davon gibt es nicht, es wäre auch kaum ein spektakuläres Motiv gewesen. Aber drei Jahre später wurde ein Reenactment, ein Nachspiel, des Ereignisses inszeniert von dem avantgardistischen Künstler Nikolaj Evreinov (1879-1953). Bei dem Massenspektakel spielten 10 000 Laiendarsteller Revolution, dirigiert von Unterregisseuren, denen Evreinov per Telefon Anweisungen gab. So etwas ließ sich natürlich gut fotografieren und filmen.

Und speziell ein Motiv machte ungeahnte Karriere. Man sieht auf der grobkörnigen, etwas unscharfen Aufnahme hunderte Menschen auf den Palast zulaufen. Das Bild wurde tausendfach nachgedruckt, als Zeugnis der heldenhaften Erhebung der revolutionären Massen. Es fütterte den Gründungsmythos der Sowjetunion. Dabei ist es bei genauerem Ansehen leicht zu entlarven, denn es wurde schlecht retuschiert. Auf dem wirklichen Original war der Turm zu sehen, von dem aus Evreinov das Geschehen steuerte, und außerdem Zuschauer.

In Dortmund vermitteln Ausstellungsvitrinen einen Eindruck von der Nachwirkung des Bildes: Schulbücher aus Staaten des einstigen Warschauer Pakts, aus China, zeigen das Foto als Zeitzeugnis der russischen Revolution. Das Bild taucht auf Meißner Porzellan auf und zierte eine Briefmarke der DDR. Die Ausstellung will es dabei nicht belassen: Die Kuratorinnen Sylvia Sasse und Inke Arns suchen weitere Versionen des Bildes. Wer also zu Hause ein Buch, ein Plakat, einen Kalender oder ein anderes Medium mit dem Foto hat, kann zum Leihgeber der Ausstellung werden.

Die Schau begnügt sich aber nicht damit, das Material zum historischen Revolutionstheater auszubreiten, 62 Fotografien und einen kurzen Film. Hinzu kommen Arbeiten von Gegenwartskünstlern, die sich mehr oder weniger direkt auf das Reenactment von 1920 beziehen. So rief Milo Rau im November 2017 zum „Sturm auf den Reichstag“ auf, im Kontext einer größeren Polit-Inszenierung, der „Generalversammlung“, zu der er Delegierte aus aller Welt nach Berlin eingeladen hatte. Nach dem Vorbild der Französischen Revolution sollten hier Akteure zu Wort kommen, die in der deutschen Politik nicht mitreden dürfen, aber von ihr betroffen sind. Ein Video zeigt nun Demonstranten mit Fahnen und Parolen vor dem Reichstag. Sie stürmen nicht wie die russischen Akteure auf dem historischen Bild, aber die Optik ähnelt doch frappierend der Vorlage.

Das russische Künstlerkollektiv Chto Delat (Was tun?, was ein Manifest Lenins von 1902 zitiert) wiederum inszeniert in Petersburg eine ganz andere Aktion: Im Video „Palastplatz 100 Jahre danach“ (2017) sieht man Protestler, deren Schriftbänder einfach schwarz sind, ohne jede Parole. Der Zug schreitet sehr ruhig, fast wie eine Choreografie, und vor allem: rückwärts.

Frappierend auch die Aktionen der polnischen Gruppe „Orange Alternative“, die ab 1987 in Wroclaw zu dadaistischen Happenings aufführten, die die Ästhetik von Massenaufmärschen parodierten. Im Flugblatt heißt es, man solle sich rot kleiden: „Wenn du nichts Rotes hast, kannst du dir ein rotes Brötchen mit Ketchup kaufen.“ Plakate wirken wie Pop-Art-Varianten echter Revolutionsplakate, so posiert ein nacktes Revuegirl mit Hammer und Sichel.

Bitterböse ist das Video „La liberté raisonnée“ (2009, „Die Freiheit zur Vernunft gebracht“) der spanischen Künstlerin Cristina Lucas: Sie stellt das berühmte Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ (1830) von Eugène Delacroix nach, bei dem die barbusige Marianne an der Spitze bewaffneter Revolutionäre die Barrikade stürmt. Delacroix‘ schuf eine Ikone der politischen Ikonografie, die Dynamik seines Gemäldes bildete gewiss eine Quelle des Winterpalast-Fotos. Bei Lucas allerdings laufen die Aufständischen aus dem Ruder und richten die Waffen gegen ihre Anführerin.

Bis 8. 4., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 496 64 20, www.hmkv.de,

Begleitbuch, Diaphanes Verlag, Zürich, 30 Euro

Quelle: wa.de

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