Harald Hauswalds Fotografien aus den letzten Jahren der DDR

„Pferdemarkt in Havelberg (Brandenburg)“.

Ein Bild der DDR gibt es nicht. Nicht mal dem Fotografen Harald Hauswald wird bescheinigt, dass er das Allgemeingültige der DDR fotografiert habe. Mathias Bertram unterstreicht als Herausgeber des Bildbands „Vor Zeiten“, dass der subjektive Blick Hauswalds auch in Serie subjektiv bleibt.

Da der Lehmstedt Verlag in Leipzig gerade zwei Fotobücher zu Hauswald publiziert hat, erhält die Frage nach dem Bild der DDR wieder neues Material.

Das fotografische Schaffen Hauswalds, der zu den Chronisten der Wende-Zeit gehört und bereits in den 1980er Jahren für West-Medien arbeitete, zeigt Menschen und Subkulturen in der DDR. „Vor Zeiten“ umfasst Schwarzweißaufnahmen von 1976 bis 1990. Es sind künstlerische Fotografien, die der Flaneur auf seinen Wegen vor allem durch Ostberlin einfing. Im Jugendclub, bei einer privaten Ausstellungseröffnung, auf der Bluesmesse und dem Rockkonzert, beim alternativen Kirchentag, in der Friedenswerkstatt, unter Punkern und Schriftstellern. Es geht nicht um den dokumentarischen Wert, wie sieht die Punkszene in der DDR aus? „Vor Zeiten“ führt die fotografische Handschrift Hauswalds vor, der Bildbände von Henri Cartier-Bresson und Robert Frank studiert hat, die ihm Freunde aus dem Westen mitgebracht hatten.

Straßenfotografie ist seine Leidenschaft. Seine Ausschnitte halten ein Stück Wirklichkeit fest: Wie ein alter Mann mit Klumpfuß einen Karren mit Strohsäcken zieht („Radebeul-Kötzschenbroda“, 1976), wie Frauen von einem Haufen Kartoffeln abverkaufen („Dorf an der Elbe“, 1985), wie Männer ein Tier niederringen („Schweineschlachtung, Templin“, 1984). Hier kommt der Fotograf hinzu und schafft mit kompositorischem Verständnis das Bild, ein Stückchen Ewigkeit.

In den 1980er Jahren erhält Hauswald den Tipp, näher an seine Motive ranzugehen. Als der gebürtige Radebeuler 1977 der Liebe wegen nach Ostberlin zieht, profitiert er vom Netzwerk der Künstler und Regimekritiker. Der Stammvater der DDR-Fotografie, Arno Fischer, begutachtete Hauswalds Bilder. Der Schriftsteller Lutz Rathenow vermittelt ihm Westkontakte. Die Magazine Geo und Stern publizieren ihn, die „taz“ und „Die Zeit“ wurden seine Kunden. Und als der Rowohlt Verlag das kritische Buch „VEB Nachwuchs“ mit Hauswalds Schnappschüssen 1983 herausbrachte, wird der Fotograf zum „Feind der Republik“. 35 inoffizielle Mitarbeiter der Stasi bespitzelten ihn fortan. Zeitweise wurde er als „asozial“ verunglimpft, um seine Tochter auf Monate in einem Kinderheim wegzusperren. Der Staat zeigte seine Macht. Wegen seiner Bekanntheit im Westen traute sich die Stasi aber nicht, den Fotografen zu inhaftieren. Nachdem der Piper Verlag (München) 1987 das Buch „Ostberlin. Die andere Seite einer Stadt“ mit großem Erfolg herausbrachte, versuchte ihn die offizielle DDR zu umarmen. Hauswald erhielt den Auftrag zu einer Langzeitdokumentation über Fußballfans in der DDR. Fotografische Momente wie „Fahnenflucht“ (1987) hatten Hauswald bekannt gemacht. Die Fahnenträger der Mai-Kundgebung hatten sich vor Regen schützen wollen. Diese Notlage sollte später spöttisch als Regimeflucht gedeutet werden. Ein politisches Bild. Nach 1990 gab es Motive, die so ausgelegt werden konnten, nicht mehr.

Im Farbfoto-Band „Ferner Osten“ sind vor allem dokumentarische Aufnahmen von 1986 bis 1990 zu sehen. In dieser Zeit musste Hauswald zum Farbfilm greifen, weil die West-Magazine Farbe wollten. Oft gibt es von einem Motiv Fotografien in Farbe und Schwarzweiß.

Herausgeber Bertram sichtete 40 000 Kontaktabzüge, knapp die Hälfte aller Fotos, die bis 1990 entstanden sind. Rund 100 unveröffentlichte Bilder zeigen beide Bände. Melancholische Fotos aus Berlin, sensible Aufnahmen von Behinderten und Live-Porträts von Jugendlichen zählen dazu. Ebenso ist Hauswalds Arbeit für die evangelische Stephanus Stiftung zu sehen, wo er einen Drei-Stunden-Job hatte. Mit der Anstellung entging er dem instrumentalisierten Vorwurf, „asozial“ zu sein.

Hauswald katalogisierte und datierte seine Fotos nicht, um der Stasi bei ihren Durchsuchungen so wenig Anhaltspunkte wie möglich zu geben. Für die Erforschung der Opposition in der DDR und der friedlichen Revolution wären die Bilder ein Fundus, meint Herausgeber Bertram.

Interessant ist, dass die Farbfotos einfach mehr DDR dokumentieren. Ein kaltes Grau-Blau hält die Menschen am Brunnen der Völkerfreundschaft, Alexanderplatz, beinah gefangen. Das Orange des Straßenkehrers glimmt vor dem Betongrau des Fernsehturms in Ostberlin. Das FDJ-Hemd scheint tief blau, das ein Ordner in Berlin-Friedrichshain trägt. Farbe ist eine Beigabe zu Hauswalds ironischem und fürsorglichen Realismus. Einfach herrlich sind die Typen, die auf dem „Pferdemarkt in Havelberg (Brandenburg)“ porträtiert wurden. Wo gibt es das heute noch?

Der Band „Ferner Osten“ bietet die erste repräsentative Auswahl an Hauswalds Farbbildern. Es lassen sich auch Aufnahmen finden, an US-Farbfotografen erinnern, wie Joel Sternfeld. Im Bild „Hinterhof der Kastanienallee, Prenzlauer Berg“ interessiert das Blau der Autokarosserie noch mehr als der Blick des Jungen. Die Fotografie „Fähre, Hiddensee“ schimmert mit dem Rot der Sitzbänke wie ein Farbfeld. Eine Aufnahme aus Bautzen dampft spürbar im künstlichen Grün der Beleuchtung: „Tanzveranstaltung“.

Hauswald fixierte bildnerisch eine Wahrhaftigkeit, die fern der offiziellen DDR lag. Neben seiner Regimekritik belegen die zwei Fotobände aber auch, dass viele Menschen ihren Weg gefunden hatten. In diesen Welten war Hauswald zu Gast und hielt sie fotografisch fest. - Von Achim Lettmann

Zwei Fotobände

Harald Hauswald: Vor Zeiten. Alltag im Osten, Fotografien 1976-1990. Herausgegeben von Mathias Bertram. 248 S. mit 200 Duotone-Abbildungen. 29,90 Euro.

Harald Hauswald: Ferner Osten. Die letzten Jahre der DDR, Fotografien 1986 bis 1990. Herausg. von Mathias Bertram. 176 S. mit 155 Farbfotografien. 29,90 Euro. Beide Fotobände im Lehmstedt Verlag, Leipzig, erschienen.

Quelle: wa.de

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