Hans Werner Henzes Oper „Die englische Katze“ in Münster

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Minette (Henrike Jacob) und Babette (Rebekka Maria Stöhr) in der Münsteraner Henze-Inszenierung. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ MÜNSTER–Von wegen Vegetarier. Sie mögen in der K.G.S.R., der „Königlichen Gesellschaft zum Schutz der Ratten“, als noch so zahme Gutkatzen maunzen – die Maus Louise ist zu Recht misstrauisch: Der Staatsanwalt kommt mit einer Gabel aus der Prozesspause, an der noch ein Rattenschwanz-Fitzel klemmt. Selbst die liebreizende Minette kann nicht anders: Sie verzieht sich aufs Dach, um heimlich weiße Mäuse zu naschen und – genauso ungesund – Coca-Cola zu trinken. Sogar aus der Dose!

Heuchelei ist das zentrale Leitmotiv in Hans Werner Henzes Oper „Die englische Katze“. Regisseur Ernö Weil belebt die Satire in Münster mit solchen Beobachtungen. Weil Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura ein solides Ensemble und ein farbenreich musizierendes Sinfonieorchester dirigiert, gelingt am Großen Haus der Städtischen Bühnen eine außergewöhnliche und vor allem unterhaltsame Produktion. Der Zweiakter ist der Auftakt des „Henze!“-Festivals zum 85. Geburtstag des Komponisten am 1. Juli.

Hans Werner Henze und sein Librettist Edward Bond schufen 1983 eine böse Mixtur aus „Manon Lescaut“ und Disneys „Aristocats“: Minette (Henrike Jacob) kommt als naive Landkatze nach London, heiratet den alten Lord Puff (James McLean), verliebt sich in den Streuner Tom (Alan Cemore) und wird von der Upper Class ausgestoßen, während Tom sich als verschollener reicher Erbe entpuppt. Die Geschichte basiert auf einem Text von Honoré de Balzac, doch zielt die Gesellschaftssatire über die viktorianische Zeit hinaus.

Die eleganten Tierkostüme mit ihren Halbmasken verlangen von den Solisten ein sehr körperliches Spiel, und das beherrscht vor allem Henrike Jacob als Minette, die „englische Katze“. Sie schleicht und schmiegt sich durch die überdimensionalen Bühnenbilder von Bibliothek und Dachschräge (Ausstattung: Karin Fritz). Sie plappert in possierlichen Koloraturen die Ermahnungen nach, die der Dorfpfarrer ihr mit auf den Weg gab – und produziert sich so als reizende Unschuld vom Lande. Dass Jacobs Sopran sich auch im dramatischen Fach entfalten kann, beweist sie später in einer anderen Arie.

Weil hält die Balance zwischen Genreparodie, Klischee und ironiefreiem Ernst. Seine vieldeutigen Bilder spiegeln Henzes Musiksprache: Für Minette schrieb er neoklassizistische Arien, doch reiben sich ihre und Toms Liebesschwüre auch in atonaler Reihentechnik. Die Maus Louise fiept zu den Fistelklängen einer Altflöte um Anerkennung, wird von den Katzen aber regelmäßig zurückgefaucht. Sie ist als Serviermädchen in weiß gestärkter Schürze ebenso nützlich wie als Vorzeigeobjekt der eigenen Barmherzigkeit. Doch Louises umständliche Leidensgeschichte will nun wirklich keiner mehr hören.

Die Ratten, deren Schutz die feine Gesellschaft so nachdrücklich propagiert, hält man ebenfalls auf Distanz: Als Bühnenarbeiter schieben sie im Blaumann die Kulissen (und betteln in der Pause die Opernbesucher an). Ihnen wird die K.G.S.R. nicht zu Gerechtigkeit verhelfen; das Spendenbüchsen-Geklapper befördert allein die Selbstgerechtigkeit der Gesellschafter.

Deren Dekadenz führt Librettist Bond auch vor, wenn er Minettes Ehekummer (sie langweilt sich unter anderem beim Cello-Üben) mit der Existenzangst ihrer Schwester Babette konfrontiert: Wegen schlechter Mäusefangquoten wurde sie von ihrer Halterin vor die Tür gesetzt. Wie fortschrittlich kann man hingegen als Nagerfreund posieren, wenn sich daheim die Katzenfutter-Dosen stapeln. Mit Biosiegel.

Die krassesten Pointen bietet die Szene, in der Minette ergeben darauf wartet, ertränkt zu werden. Babette (Maria Rebekka Stöhr) wollte sie nach der Scheidung von Lord Puff eigentlich nach Hause holen, doch sie kommt zu spät. Tom erscheint, kann Minette auch nicht mehr retten, verliebt sich aber (in bestem Operetten-Tempo und platt klappernden Libretto-Reimen) in Babette, die der bald Verblichenen so verblüffend ähnlich sieht. Minette gibt den Beiden ihren Segen und tiriliert aus dem Sack, der gleich mit ihr in die Themse plumpst: „Mit guter Tat geh‘ ich davon.“

Die englische Katze in Münster, Großes Haus,

29. Juni, 3., 8., 13. Juli;

Tel. 0251/5909 100,

http://www.stadttheater-muenster.de.

„Henze!“-Festival bis 10. Juli: http://www.gnm-muenster.de

Quelle: wa.de

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