Hans Werner Henzes „Gisela“ bei der Ruhrtriennale

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Die Tristesse des Bahnhofs Oberhausen wird Szenerie für Henzes Musikstück „Gisela“: Szene mit Hanna Herfurtner und Fausto Reinhart . ▪

Von Edda Breski ▪ GLADBECK–Wo ist Heimat? In Deutschland, im Ruhrgebiet, wo die Fördertürme an die Vergangenheit erinnern? Oder im sonnigen Italien? Der Komponist Hans-Werner Henze hat die Frage vor mehr als 50 Jahren beantwortet – 1953 wanderte er nach Italien aus.

Seine Helden in der Oper „Gisela!“ können die Frage nicht so einfach auflösen. Der 84-Jährige hat eine Jugendoper geschrieben, in der es vordergründig um ein Beziehungsdreieck geht: Gisela, die Kunststudentin, will sich mit Hanspeter verloben, aber da ist Gennaro, der napolitanische Fremdenführer. Dahinter stellen sich Fragen wie: Wo ist Heimat? Kann ein Mensch einem anderen Heimat sein? „Gisela! oder: Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“, ein Auftragswerk der Ruhrtriennale, der Ruhr.2010 und der Staatsoper Dresden, kam Samstag bei der Ruhrtriennale zur Uraufführung, als Höhepunkt der ganzjährigen Henze-Werkschau im Rahmen der Ruhr.2010. Gespielt wurde in der Maschinenhalle Zweckel

Henze hat – mit Michael Kerstan und Christian Lehnert – sein Stück nicht nur über junge Leute, sondern vor allem für junge Leute geschrieben. Keiner der Mitwirkenden ist über 30 Jahre alt. Dirigent Steven Sloane leitet das LandesJugendEnsemble für Neue Musik, das Jugendensemble des Landesmusikrates. Der Jugendkammerchor der Chorakademie Dortmund wirkt mit, ebenso wie Schauspiel- und Tanzstudenten der Folkwang-Hochschule. Sie leisten Bewunderswertes. Die Halle wird aus verschiedenen Winkeln bespielt, die Chorsänger leihen Schauspielern auf der Bühne ihre Stimme.

Auch die Solisten sind jung: Fausto Reinhart, unter anderem Schüler von Carlo Bergonzi, singt den Gennaro und lässt mit einem geschmeidigen, in der Höhe leuchtenden Tenor aufhorchen. Dazu ist er ein guter Darsteller, er verleiht dem Gennaro vor allem in den Parlandostellen eine Verspieltheit, die nicht ohne Düsterkeit ist. Michael Dahmen, Student bei Christoph Prégardien, ist als spießiger Hanspeter eine letztlich tragische Figur. Er hat einen edlen, gut geführten Bariton mit Kraft für Ausbrüche und dazu ein sicheres Gespür für Nuancen. Hanna Herfurtner, die im vergangenen Jahr die Nackte Jungfrau in Schönbergs „Moses und Aaron“ bei der Ruhrtriennale sang, ist eine lyrische, zugleich kraftvolle Gisela, die ihren Part mit Ausdruck und Leuchtkraft erfüllt.

Henze hat eine klare, stimmungsmalerische Partitur geschrieben. Er schreibt dem Chor wie im antiken Theater eine kommentierende Funktion zu; einmal lässt er ihn geisterhaft summend einsetzen. Grelles Holz verkündet Unheil, Orchesterschläge begleiten entscheidende Wendungen auf der Bühne. Aber es gibt auch schöne, bange Streicherpartien, die die romantischen Gefühle der Liebenden begleiten. In den Traumsequenzen variiert Henze eine Bachfuge, die sich in Orgel, Harfe und Xylophon langsam angstvoll verzerrt. Der Orchesterpart ist mal transparent, fast lakonisch, mal leuchtend schön.

Henze hat „Gisela“ ein Musik-Theater-Stück genannt. Denn hier sind die Mittel des Schauspiels ebenso wichtig wie jene der Musik. Das Stück bezieht sich auf die Commedia dell'arte, und Regisseur Pierre Audi erweitert deren Stilmittel um die Möglichkeiten der modernen Elektronik. Drei schwarze Kuben heben sich und geben Spielorte frei: ein Zugabteil, eine Trattoria. Sie sind auch Projektionsfläche für Träume und Ängste. Aus einem sich öffnenden Ei kullert Gennaro heraus – er ist auch Pulcinella, der Kasper der Commedia. Folkwang-Schüler winden sich in goldenen Kostümen in einer Art Fellini-Orgie als Commedia-Truppe. Die Maschinenhalle wird wunderbar genutzt (Bühne/Kostüme: Christof Hetzer): Es öffnen sich verschiedene Perspektiven, Blickwinkel. Züge fahren, die Szenerie wechselt vom Bahnhof Neapel zum Bahnhof Oberhausen. Dort sitzen Gisela und Gennaro im Kalten, sie haben bei ihren Eltern keine Aufnahme gefunden. Albträume quälen sie – die Kuben zeigen Bilder aus Grimms Märchen (Videos: Martin Eidenberger). Am Ende bricht bildgewaltig der Vesuv aus. Pierre Audi liest aus dem leuchtenden Dur der Schlusstöne kein glückliches Ende heraus. Gisela und Gennaro sind zusammen – im Traum? Und wohin führt die Zukunft? Offene Fragen.

28., 30.9., 2.,3.,6.,8.10.,

Tel. 0201/ 887 20 24,

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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