Hans Kaisers Malerei im Kunstmuseum Bochum

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Buchstaben einer unbekannten Schrift fügen sich zum Bild: Hans Kaisers „Barnabas“ (1966) ist in Bochum zu sehen.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Ein dichter Regen aus schwarzen Zeichen ist auf die Leinwand geprasselt. Dann hat Hans Kaiser offenbar Luft holen müssen. Ganze Partien überdeckte er mit Weiß. 185 Zentimeter hoch ist „Barnabas“ (1966), eine unruhig vibrierende Fläche, aufgeladen mit der Energie vieler Pinselstriche, wieder und wieder überschrieben. Nun steht das Bild da, dicht gefüllt, aber doch leicht genug, um den Betrachter nicht abzuschrecken.

Das Werk hängt im Kunstmuseum Bochum. Das Haus widmet dem in Bochum geborenen Künstler zum 100. Geburtstag die Ausstellung „Imaginäre Räume“. Es sei bewusst keine Retrospektive, betont Museumsdirektor Hans Günter Golinski. Vielmehr konzentriert sich die Schau auf die Werkphase von den späten 1950er Jahren bis zu Kaisers Tod 1982, jene Arbeiten, mit denen sich der Maler der Kunstgeschichte einschrieb. Ausgespart ist die Glasmalerei, die parallel im Soester Morgner-Haus zu sehen ist.

Der Autodidakt hat für sich sozusagen die Stilepochen nachvollzogen, eine impressionistische, expressionistische, kubistische Phase gehabt. Um 1955 aber entdeckte er die Abstraktion. Er experimentierte viel. Für ein Bild ohne Titel von 1958 setzte er Nitrofarbe in Brand und versuchte, mit seinem Atem die Komposition zu beeinflussen. Diese Arbeitsweise war höchst ungesund, Kaiser musste sich anderen Techniken zuwenden.

Die Bochumer Schau mit rund 60 Gemälden ist großzügig gehängt, lässt den Bildern Raum zur Entfaltung. Kaiser, berichtet Kurator Sepp Hiekisch-Picard, lehnte es ab, wenn von seiner Malerei als Kalligraphie gesprochen wurde. Gleichwohl ging er oft von Text, von Buchstaben, von Zeichen aus. Fast alle Bilder beginnen mit solchen Zeichensetzungen, die immer wieder überschrieben und übermalt werden. In einer Serie von fünf Porträtzeichnungen aus den 1970er Jahren kann man sehen, wie sich die geschriebene Linie zum Bild auswächst: Ganz sparsam fügen sich hier beschriebene Partien zum Bild. Gesichter erkennt man erst beim zweiten Blick. Kaiser ging oft von gegenständlichen Motiven aus. Im monumentalen „Bildnis einer Stadt (Venedig)“ (1966) erkennt man eine angedeutete Brücke.

Kaisers Malerei durchläuft sozusagen eine Wellenbewegung: Den in einem bewegten All-Over dicht gefüllten Flächen folgen gelichtete Arbeiten, in denen Weißraum stehen bleibt. Dann wieder füllt sich die Fläche. Ein Raum zeigt das Spätwerk der letzten Jahre, in denen Kaiser zu einer speziellen Art der Monochromie fand, bei der ein Farbton in verschiedenen Abstufungen und Helligkeitsgraden ausgeführt wird.

Kaisers Bildern eignet eine meditative Qualität. Die Ausstellungsmacher sprechen von den imaginären Räumen, die sich hinter den Bildern wie hinter Fenstern öffnen. „Das grüne Gefäß“ malt er in den 1960er Jahren mehrfach, und man erkennt kaum die Flasche oder Vase unter der Wolke aus flirrenden Pinselkürzeln. In späten Gouachen wird Kaisers Affinität zur asiatischen Tuschmalerei deutlich. Wie dort bleiben Partien des Papiers unbeschrieben. Die Strahlkraft der Farben aber zum Beispiel im Blatt „Die ungeahnten Räume im Raum“ (1978) ist unvergleichlich.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr, bis 27.4., di – so 10 – 17, mi bis 20 Uhr, Tel. 0234/ 910 42 30, www.kunstmuseumbochum.de, Monografie Kolja Kohlhoff: Lichte Räume, Kerber Verlag, Bielefeld, 30 Euro, Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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