Handzeichnungen aus der Anhaltischen Gemäldegalerie in Paderborn

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Verführerisch blickt die junge Frau auf Urs Grafs Zeichnung (1535), zu sehen in Paderborn.

PADERBORN - Verführerisch lächelt die junge Frau dem Betrachter zu, aus den Augen, mit einem Anflug von Heimlichkeit. Wen wundert es, wenn das Modell auf Urs Grafs Zeichnung von 1535 oft als Dirne gedeutet wurde. Dass sie vergleichsweise elegant gekleidet ist, konnte bedeuten, dass sie ihr Geschäft erfolgreich betrieb. Nicht ins Bild passt freilich, dass sie ihre körperlichen Reize eher verbirgt als offensiv ausstellt.

Das Blatt ist in der Städtischen Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus in Paderborn zu sehen. Es ist eins von mehr als 120 Handzeichnungen aus der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau. Der Kunstfreund hat hier die Chance, an großartigen Beispielen die Zeichenkunst im Übergang von der Spätgotik zur Renaissance zu studieren. Das kleine Format vieler Werke sollte zum Verweilen, zum genauen Hinschauen motivieren. Denn auf vielen Blättern gibt es wunderbare Einzelheiten zu entdecken. Auf Wunsch werden an der Kasse Lupen gereicht.

Urs Grafs Frauenporträt jedenfalls zeigt keine Professionelle. Der Kunsthistoriker Guido Messling legt im Katalog eine andere Lesart nahe: Demnach wäre das Blatt Zeugnis einer verbotenen Liebesgeschichte, vielleicht real, vielleicht nur erhofft. Denn der Künstler zeichnete ihr einen Kettenanhänger in Form eines Monogramms. Die Buchstaben M und V stünden dann für Merga und Urs. Aber auch ohne solche romantischen Spekulationen vermittelt sich die erotische Spannung des Blatts sofort.

Von Graf ist eine weitere herrliche Zeichnung zu sehen, das Porträt eines bärtigen Kriegers mit geschlitztem Barett, das den alten Haudegen mit einer großen Narbe über Stirn und Wange kennzeichnet, aber auch in der Linienflut des mächtigen Bartes dekorativ entzückt.

Solche Blätter, die das auffällige Monogramm ihres Schöpfers trugen, waren eigenständige Kunstwerke, wertvoll, weil man hier mehr noch als in Gemälden die Handschrift des Meisters wiederfand. Aber es finden sich auch ganz flüchtige Skizzen, in denen eine Idee fixiert wurde, die später ausgearbeitet werden sollte. Oder Studienblätter mit anatomischen Details, Kleidungsstücken, Körperteilen, Objekten. Solche Kritzelblätter von Peter Gertner aus dem 16. Jahrhundert sind hier ebenfalls zu bewundern. Viele Zeichnungen dienten auch als Vorlagen. So zeichnete Hans Holbein d.J. einen grotesken Totentanz für eine Dolchscheide. König, Ritter, Mönch shen sich von schaurigen Skeletten in einen Reigen gezerrt. Das Original dieser Zeichnung ging verloren, aber die Kopie aus Dessau vermittelt einen guten Eindruck der Komposition. Andere Blätter sind weniger durch ihre künstlerische Brillanz wertvoll als durch das, was sie schildern. Eine Folge von drei großen Zeichnungen (um 1530/50) zeigt den Türkischen Kriegszug, und die herumliegenden Toten und Körperteile, die zerstörten Kirchen, die Kriegsmaschinen vermitteln auch in relativ flüchtigen Strichen einen guten Eindruck von der Wucht und den Schrecken des Geschehens.

Eins der ältesten Blätter, datiert auf 1432, zeigt die „Höllenfahrt Christi“ noch ganz im mittelalterlichen Geist. Der Erlöser stürmt das Höllentor, das ein riesiges Löwenmaul mit einer Festung kombiniert. Jesus stößt einen Teufel beiseite, greift nach der Hand Adams, und die grinsenden Dämonen besetzen wie Ritter den Wehrgang. Ein ganz anderes Verständnis vom Körper zeigt ein weiteres Glanzstück der Schau, Albrecht Dürers Federzeichnung „Petrus und der Zauberer Simon Magus“ (um 1500). Der Apostel und Kaiser Nero bekommen hier physische Präsenz, auch wenn der sündhafte Magier hier von ganz ähnlichen Dämonen in die Luft getragen wird, wie sie im älteren Kunstwerk die Hölle bewohnen.

So durchstreift man in den kleinen Kostbarkeiten die altdeutsche und schweizerische Kunst, begegnet den großen Meistern Holbein, Altdorfer, Cranach und einigen wenigen italienischen Zeichnungen. Entdeckungen sind hier viele möglich wie beim herrlichen Porträt des Glasmalers Hieronymus Lang (um 1540), dessen Schöpfer unbekannt blieb, oder den anmutigen Frauenkopf-Studien Tobias Stimmers.

Bis 24.1.2016, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251 / 88 10 76, www.paderborn.de/galeriereithalle Bestandskatalog Dessauer Zeichnungen, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 30 Euro

Quelle: wa.de

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