Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ bei den Ruhrfestspielen

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Jeder für sich: Szene aus dem Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ bei den Ruhrfestspielen.

Von Achim Lettmann RECKLINGHAUSEN -  Da laufen, rennen, schreiten und wetzen sie wieder. Ganz in Grau gekleidet sind die Schauspieler des Thalia Theaters aus Hamburg, die sich auf die Festspielhausbühne in Recklinghausen begeben. Das Regieduo Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper (Estland) erzählt mit dem Bewegtbild erneut von Arbeit, Business und Ignoranz, wie zu Anfang.

Zum Ende ihrer Inszenierung zu Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts von einander wußten“ verfallen die estnischen Künstler, die den Autor baten, sein Stück erweitern zu dürfen, in eine meditative Haltung. Ihr Gesellschaftsbild wird von Eigensinnigen grundiert. Außerdem sind Mickey Mouse als Werbefigur und ein afrikanischer Darsteller zu sehen, der seinen Arm aus einer Kiste streckt und winkt. Bunt ist die Unterhaltungsindustrie, ironisch der Hinweis auf Flüchtlinge in der Welt. Dazu wiederholt der Chor sein eindringliches Mantra, das aus dem hinteren Zuschauerraum kommt und durchdringt, weil ein paar Sängerinnen und Sänger im Publikum verteilt sind. „Einer schaut dabei dem anderen zu“ klingt es, und so schauen die Theaterbesucher sogar einander an. Dieses Ende hält einen, selbst wenn das Bühnenlicht erloschen ist, die Darsteller verschwunden sind. Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen haben eine Koproduktion mit dem Haus der Kulturen der Welt (Berlin) und dem Thalia Theater Hamburg im Rahmen des Projektes 100 Jahre Gegenwart realisiert. Ein großes Projekt, das unerwartet plakativ gerät. Denn Ojasoo/Semper haben Handkes Regieanweisungen für den großen Platz zwar anfangs beherzigt, aber die Weite des Raumes nicht als Möglichkeit erschlossen, Einzelne und Menschengruppen zueinander zu führen. Die dramatische Kraft, die dem Handke-Stück ohne Dialoge innewohnt, war im zweiten Teil kein Regieansatz mehr. So finden Handkes Typen nicht zueinander oder zu einem heterogenen Gemeinsinn, sondern machen politischen Standbildern Platz: Eine große Zahl alter Menschen erhält einzelne Anweisungen, die zu Entblößung und Isolation führen. Zur schrill-lauten Samba-Musik („I need you baby“) tanzt ein Mann vor selbstgefälligen Soldaten. Durch eine aufgebrochene Wand strömen Nackte, die verletzlich scheinen – auf der Flucht sind? Das wirkt unbehaglich, und stellt die Frage, was passiert hier?

Bei diesem Erkenntnisniveau bleibt es aber. Die Wand wird vorher noch gedreht, so dass eine Szenerie mit jüdischen Gläubigen vor der Klagemauer nachgestellt ist, dazu ist ein Muezzin über Lautsprecher zu hören, und der Chor (Leitung: Uschi Krosch) stimmt schon bald einen lateinischen Gesang an. „Die Stunde da wir nicht von einander wußten“ entwirft in Recklinghausen einen bildhaften Reigen zu öffentlichen Themen. Die Choreografie des Handke-Stücks wird immer wieder als Körperarbeit (Jüri Nael) abgerufen, um Individuen absurd, kurios und vergeblich erscheinen zu lassen. Das reicht für einen Clip, aber nicht für einen Theaterabend. Es war langweilig.

16. 5.; Tel. 02361/92 180

Quelle: wa.de

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