Hammer Gustav Lübcke Museum zeigt „Hier und Jetzt“

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Gießkannen und Draht: Renate Frerichs filigrane Installation aus einfachen Materialien ist in Hamm zu sehen.

HAMM Aus den Köpfen vonsieben Gießkannen ranken zahlreiche in sich geknickte Drähte zu Boden. Hoch an einer Wand befestigt greifen diese kühlen Gespinste so dicht wie ausladend in den Schauraum des Gustav Lübcke Museums. Es ist eine voluminöse Installation zu sehen. Renate Frerich (Dortmund) will eigentliche mit ihrer Kunst dem Individuellen nachspüren. In der Hammer Ausstellung „Hier und Jetzt“ zeigt sie aber nicht Haare, Fingerabdrücke und persönliche Dinge, mit denen sie schon gearbeitet hat, sondern fasst die Äußerungen von Menschen zusammen, denen sie begegnet ist. Worte und Buchstaben lassen sich tatsächlich in den Drähten lesen. Sie bleiben aber abstrakt und wirken vor allem grafisch, als Bildraum und als Schattenspiel an der Wand. Die Linie an sich – Ursprung der Schrift und der Zeichnung – ist bei Frerich zu einer Raumgröße ganz eigener Qualität geworden. Der Titel „Warum stößt der Wal mit jedem Atemzug eine Fontäne aus?“ (2015) erinnert vielleicht an den erzählerischen Ausgangspunkt dieses beeindruckenden Kunstwerks.

Das Dreidimensionale ist eine Stärke der Hammer Ausstellung. „Hier und Jetzt“ meint „aktuelle Kunst in Westfalen“. Insgesamt sind 65 Arbeiten und Werkgruppen von 61 Künstlern zu sehen. Alle vier bis fünf Jahre präsentiert das Gustav Lübcke Museum, was Künstler aus der Region geschaffen haben. Diesmal sind weniger Akademiestudenten aus Düsseldorf vertreten, sagte Diana Lenz-Weber, stellvertretende Museumsdirektorin. Wer in Westfalen geboren ist oder hier arbeitet, konnte bis zu drei Werke einsenden – erstmal als Fotografie. Aus 750 Exponaten von 251 Künstlern wählte eine Fachjury aus.

An die Grenzen des Oberlichtsaals greift auch Monika Ortmann mit ihrer Installation „Take a Walk to the Sky“ (2016). Die Künstlerin, die in Bochum, Berlin und auf Rügen wohnt, spannt farbige Strumpfhosen zu futuristisch anmutenden Netzwerken. Rot, Gelb, Grün, Lila, Blau und Beige sind effektvoll arrangiert und erinnern an Pop-Art und Farbmalerei.

Ganz ephemer berührt Marc Bühren mit einer zeichenhaften und feinnervigen Hängung mehrerer 3D-Drucke. Auf Kleiderbügeln sind die unvollständigen Umrisse eines kopflosen Männerkörpers (aus Biokunststoff) in Reihe präsentiert. Bühren (Dortmund) sucht nach (Selbst)Darstellungsweisen, ohne die sozialen Medien hinzuzuziehen. „ens reale“ (2017), so der Titel seiner Arbeit, zählt zu den erstaunlichen Werken einer Ausstellung, die von der Intensität der künstlerischen Positionen lebt. Diana Lenz-Weber unterstreicht vor allem die Akkuratesse, mit der zeitgenössische Kunst geschaffen wird, und das Interesse der Künstler, die eigene Selbstbefragung zu visualisieren.

Ulrike Lindken (Münster) hat beispielsweise Chinapapier gefaltet. Sie schiebt diese Knickformen zu einem erhabenen Bildnis auf dunklem Holz zusammen – in vier Teilen. Und „Komm schwarzer Vogel“ (2017) breitet auch eine meditative Dimension aus. Ina Jenzelewski (Hamm) hat akribisch Linien als Strukturform für ihr zweiteiliges Bild „Tsu nami“ (2018) gesetzt. Die symbolischen Signaturen von Stadt und Meer bilden mit Permanent-Marker auf beschichteter Leinwand einen ehernen Gegensatz, den Jenzelewski auch als konträres Kraftfeld von gesellschaftlichen Gegensätzen versteht.

Skulptur, Plastik, Zeichnung, Druckgrafik, Fotografie, Objekt- und Videokunst sind in Hamm ausgestellt. Vor allem das Malerische ist in großer Vielfalt zu sehen. Mit blauem breiten Pinselschwung stößt Aatifi an die Grenzen seiner eigenen Malflächen. Der afghanische Künstler hat ein Atelier in Bielefeld und schafft expressive Gemälde, wie „Ohne Titel“ (Acryl auf Leinwand, 2017). Immer wieder dominiert sein Lapislazuli-Blau, das auch eine Brücke zum Orient schlagen soll. Die Künstlerin Sandra Del Pilar (Soest) schafft einen mehrdeutigen Realismus. Über eine Leinwand, die leidende Menschen zeigt, legt sie eine weitere Malfläche aus Synthetikfasern. So wird eine Variation der ersten Motive geschaffen, die Bewegung ins Bild bringt und die Vorhaltung gegen Donald Trumps Mexiko-Politik verstärkt: Einwanderer sind von ihren Kindern durch US-Behörden getrennt worden. „Treat me like a fool, treat me like I’m evil“ („Behandle mich wie einen Narr, behandle mich, als wäre ich übel“), 2017, will sich widersetzen. Politisch ist auch Klaus Behlaus Objekt aus der Serie „Verlorene Bücher“ (2015). Das „Nie-Wieder-Buch“ hat der Hammer Künstler mit Schrauben fest- und zugezogen, damit das Nazi-Pamphlet auf ewig verschlossen bleibt.

Ganz nüchtern kommt „Das Format ist das Problem“ (2018) von Annie Fischer (Holte-Stukenbrock) daher. Aus einem Din-A4-großen Korb stehen grüne Drähte, Röhrchen und Schläuche heraus, wie Gras, das sich nicht bändigen lässt. So ist das Leben, meint Fischer lapidar aber trefflich. Einfach und überwältigend sitzt Mia Friedrichs (Oberammergau/Hamm) „Fischfreund“ (2018) im Museum. Ihre Holzskulptur trägt auf den Schultern eines Männerkorpus einen ausladenden Fisch – herrlich surreal.

Unter den Werken der 61 Künstler wählt am 30. September eine erweiterte Jury den Kunstpreis der StadtHamm (5000 Euro). Das prämierte Werk bleibt im Besitz des Künstlers. Somit ist der Kunstpreis kein Ankaufspreis mehr, wie bei der letzten „Hier-und-Jetzt“-Schau. Außerdem wird ein Publikumspreis ausgelobt, den jeder Besucher mit seinem Votum beeinflussen kann. Die Auswahl lohnt sich, und die Entscheidung fällt sicher schwer.

Die Schau

Eine sehr qualitätvolle und vielteilige Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst aus der Region und manchmal darüber hinaus.

Hier und Jetzt. Aktuelle Kunst in Westfalen im Gustav-Lübcke-Museum Hamm.

Eröffnung am Sonntag, 11.30 Uhr; bis 28. Oktober; di-sa 10 – 17 Uhr, so 10 –18 Uhr; Publikation in Vorbereitung; Tel. 02381/1757 14; www.museum-hamm.de

Quelle: wa.de

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