Ian Hamiltons Krimi „Der rote Stab von Macao“

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Ian Hamilton schreibt die Romane um Ava Lee.

Von Ralf Stiftel - So eine Wirtschaftsprüferin haben Lok und Wu noch nicht erlebt. Ava Lee, klein, zierlich, großer Busen, hat dem einen Schläger so schnell den Arm gebrochen, dass es die Leute im Lokal erst mitbekommen, als es zu spät ist. Taktischer Rückzug. Was bedeutet, dass die 20 Millionen US-Dollar vorerst weiter festliegen in Macao, beim betrügerischen Immobilienmanager Kao Lok.

Der kanadische Autor Ian Hamilton hat Ava Lee erfunden, eine Agentin mit Fällen, die weit interessanter sind als sonst im Krimi. In Avas viertem Fall, „Der Rote Stab von Macao“, ist Avas Familie betroffen. Michael, ihr Halbbruder, hat mit seinem Freund in Macao investiert. Aber mit dem Bau des Einkaufszentrums wurde nach mehr als einem Jahr noch nicht begonnen. Und die Leute um Lok denken nicht daran, vertragsgemäß die Millionen zurückzuzahlen. Stattdessen fordern sie mehr Geld. Die Bank sitzt Michael im Nacken. Und weil ihr Vater gebürgt hat, muss Ava versuchen, das Geld zurückzuholen.

Hamilton beschreibt den Fall bemerkenswert ruhig. Er hat ja etwas zu erzählen, da braucht es keine stilistischen Aufputschmittel, selbst bei einer dramatischen Befreiungsaktion in der „Burg“ des Gangsters. Kao Lok, so stellt sich heraus, ist ein Funktionär der Triaden, der chinesischen Mafia, der auf eigene Rechnung wirtschaftet. In der einstigen portugiesischen Kolonie Macao scheint er unangreifbar, zumal er sich die Hilfe der örtlichen, korrupten Polizei gesichert hat. Eine derartige Konstellation ist spannend genug.

Zumal Hamilton sich mit dem traditionellen Lebensstil der Hongkong-Chinesen auskennt. Das beginnt mit der Familie Avas, die die Tochter von Marcus Lees Zweitfrau ist. Es setzt sich mit Avas Geschäftspartner Onkel fort, der eine zwielichtige Vergangenheit hat, ihr aber als väterlicher Mentor zur Seite steht. Komplizierte Verhältnisse, erst recht, wenn es um familiäre und freundschaftliche Beziehungen geht, um Respekt, Höflichkeit, Das-Gesicht-Wahren. Hamilton widmet dem, was Ava Lee anzieht, ebenso viel Aufmerksamkeit wie dem Aufbau der Triaden. Er kennt sich mit Online-Überweisungen größerer Beträge aus. Und er lässt kein Dim Sum unbeschrieben, erwähnt die Sashimi vom Hummer ebenso wie die frittierten Blaukrabben, aber auch für westliche Gaumen befremdliche Genüsse wie Hühnerfüße und lebende Krabben, die nach dem Schälen noch zucken.

Es macht großes Vergnügen, Ava beim Planen und Kämpfen zu folgen. Weil Hamilton auch das detailreich und stimmig schildert, das Auskundschaften einer Festung und das Ausfragen einer Hure, die Diplomatie mit halbkriminellen Geschäftsleuten und die professionell eingesetzte Grausamkeit.

Ian Hamilton: Der Rote Stab von Macao. Deutsch von Anna-Christin Kramer. Kein & Aber Verlag, Zürich. 333 S., 9,90 Euro

Quelle: wa.de

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