30. Haldern Pop: Protest in der Provinz mit Kettcar und Die Goldenen Zitronen

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Sophie Hunger in Haldern.

Der einzige Auftritt von Regina Spektor in Deutschland in diesem Jahr, der Reunion-Auftritt der alten Britpop-Wegbereiter von James – das waren die größten Geschenke zu 30 Jahre Popmusik in der Provinz am Niederrhein. Dazu gab es viel Konfetti, lobende Worte und Ständchen durch die Künstler, Luftblasen und passend zur Feier des runden Geburtstages eine lebende Diskokugel.

Von Frank Zöllner

Die Begrüßung „Haldern, alte Lady“ von Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch war als respektvolle Anerkennung der bisherigen Lebensleistung der Organisatoren gemeint.

Das Haldern Pop ist im 30. Jahre seines Bestehens längst mehr als ein reines Festival und Sinnstifter für zumindest ein Wochenende. Es ist ein kleiner Wirtschaftsfaktor in der 6000-Einwohner-Gemeinde mit eigenem Plattenlabel, einer eigenen Bar – und in diesem Jahr zudem mit einem erstmals ausgerichteten Pop-Seminar. Das Festival bekennt sich zu seine regionalen Wurzeln und bleibt bescheiden, wie das Motto „Be true, not better“ unterstreicht Die sympathische Grundidee, dass sich ein großer Teil eines Dorfes für die Organisation eines der beliebtesten Independent-Musiktreffen in Deutschland verantwortlich zeigt, merkt man allen Beteiligten an. Freundliche und hilfsbereite Leute überall, die für ein entspanntes Miteinander von Künstlern und Zuschauern sorgen.

Soul, Rock, Punk, Blues, etwas Jazz – die musikalische Bandbreite ist immer wieder weit aufgefächert. So hat der 61-jährige Lee Fields schon mit Kool & The Gang zusammen gearbeitet – und zog mit klassischem Soul das Publikum in seinen Bann. Ähnlich energiegeladen war der Auftritt der Alabama Shakes. Die Band um die mit einer atemberaubenden Südstaaten-Röhre ausgestattene Brittany Howard zeigte, wie es klingen könnte, wenn Otis Redding mit einer Hardrock-Band zusammengearbeitet hätte.

Der Ire Glen Hansard, seit zwei Jahrezehnten ambitionierter Musik-Kollaborateur und Schauspieler, sorgte für Gänsehaut-Momente. Als der Oscar-Preisträger seinen mit dem Filmpreis ausgezeichneten Song „Falling Slowly“ anstimmte, bat er eine Zuschauerin als Duett-Partnerin auf die Bühne. Die traf in der gefühlvollen Ballade jeden Ton – und nahm fassungslos den begeisterten Applaus entgegen. Es sind diese Momente, die das Haldern Pop Festival so besondern machen und immer wieder für hinreißend schöne Musik sorgen.

Dazu kommen Künstler wie die einnehmende Deutsch-Schweizerin Sophie Hunger, deren Auftritt mit einer mehrsprachigen Mischung aus Rock, Pop und Jazz ebenfalls einer der Höhepunkte war. Nebenbei vergaß Hunger auch nicht zu erwähnen, dass das Haldern Pop ihr liebstes Festival in Deutschland sei.

Ein Schwerpunkt zum runden Geburtstag des kleinen und sehr feinen Festivals mit der freiwilligen Beschränkung auf 6500 Besucher lag auf deutschsprachiger Protestmusik. Als eine Art Anführer dürfen hier die Hamburger Die Goldenen Zitronen gelten. Aber auch Kettcar, die in Berlin lebenden Österreicher von Ja, Panik und Trümmer kommen aus dieser Ecke. Die Goldenen Zitronen sind seit fast 30 Jahren die Chefverweigerer der deutschen Musikszene und hüllen ihre Titel in einen Avantgarde-Elektronikklangkosmos.

Und auch Kettcar, die Hamburger Band, die vor über zehn Jahren ein eigenes Label gründete, weil sie keinen Plattenvertrag erhielt, ist eine perfekte Blaupause für die musikalische Identität des Haldern Pop. Mit Liedern wie „Landungsbrücken raus“ und der Ballade „Balu“ ist die Band um Sänger Marcus Wiebusch eine gitarrenlastige Vertreterin des nachdenklichen deutschsprachigen Indie-Rocks. „Wir mussten als Band erst zehn Jahre alt werden, um bei diesem wunderbaren Festival zu spielen“, sagte Wiebusch – und es hörte sich kein bisschen ironisch an.

Das Vertrauen in die Auswahl an Musikern und Bands, die die Festivalmacher um Stefan Reichmann trifft, ist beim Publikum riesengroß – denn die ganz großen Namen fehlten erneut.

Eine Berühmtheit ist da fast Tom Odell. Mit „Another Love“ hat sich der 22-Jährige in diesem Jahr in die Herzen der Deutschen geschmachtet. Nun saß er mit seiner Leidensmiene hinter dem Klavier auf der Hauptbühne – die für den schmächtigen blassen Engländer fast schon überdimenioniert wirkte – und überzeugte vollends.

Ein Klavier reichte am Samstagabend auch Regina Spektor. Die aus Russland ausgewanderte New Yorkerin hat schon drei Top 3-Alben in ihrer Heimat vorgelegt. Bei ihrem einzigen Deutschland-Auftritt zeigte sich die jüdische Sängerin als Diva mit Schmeichelstimme, die einen eigenen Stil zwischen Pop und Chanson entwickelt hat – das ist auf Dauer allerdings ein wenig gleichförmig.

Im Spiegelzelt, einer Art Nebenbühne, überraschte der an die Beach Boys erinnernde sonnig-luftige Auftritt der kalifornischen Band Allah-Las. Bei ihrem 50er Jahre-Surfrock mit Twang-Sound war das Publikum genauso außer Rand und Band wie bei den sehr jungen Iren von The Strypes. Deren unverhohlen die Beatles und The Animals zitierender Rhythm’n’Blues – gepaart mit dem dazu passenden Aussehen in Anzügen – riss alle mit.

Genauso gefeiert wurde die ukrainischen Band DakhaBrakha. Das sind drei junge Frauen mit glockenhellen Stimmen, die mit weißen Spitzenkleidern und merkwürdigen schwarzen Turmhüten hinter Trommeln sitzen oder Geige spielen. Dazu kommt der glatzköpfige Vladyslav Troitskiy. Der Bandname heißt Nehmen und Geben, und dafür sammelt Troitskiy alte Volkslieder, um sie neu zu interpretieren. Obwohl das Ganze mitunter bizarr anmutete, sorgten sie für Jubelstürme.

Haldern Pop – das ist eben auch das Unerwartete und Abseitige.

Quelle: wa.de

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