Das 32. Haldern Pop Festival überzeugt

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Kraftvoll und rebellisch: Sängerin Jehnny Beth von der französisch-britischen Band „Savages“ in Haldern.

Haldern - Die St. Georgskirche als Bärenhöhle, ein Techno produzierender Nerd in grünen Socken und weißen Turnschuhen, ein Sänger, der rekordverdächtige drei Auftritte hat und das Wochenende mit seiner Band als Familienausflug gestaltet sowie ein komödiantischer Musiker im Hauptprogramm. Wo es das gibt? Am Niederrhein beim Haldern Pop Festival.

Und es gab noch viel mehr zu bestaunen bei diesem kleinen und feinen Entdeckerfestival.

Das bot bei seiner 32. Ausgabe wieder unzählige erhabene Momente. So lauschten die Massen still und gebannt in der Dorfkirche den ergreifenden Melodien des englischen Folktrios Bear‘s Den (zu deutsch Bärenhöhle). Sie erhielten musikalische Klangveredelung durch den Berliner Dirigenten André de Ridder und dessen Orchester Stargaze. Das tritt seit Jahren mit verschiedenen Künstlern in Haldern auf. So gibt es mal Lagerfeuerstimmung, mal barock anmutende Klänge.

Mit ihrer Predigt am Ende ihres Sets hätte die 30-jährige Kate Tempest auch gut in das Gotteshaus gepasst. Doch der Auftrittsort der fast atemlos rappenden Wortakrobatin war die Hauptbühne am Freitag. „Hold Your Own“ lautete ihre Botschaft – haltet an Euch selber fest als Basis, um mit Familie und Freunden ein gutes Leben zu führen.

Eine Rapeinlage lieferte auch Olli Schulz und schloss sich thematisch an Tempest mit dem Song an „Man ist solange einsam, bis man lernt, allein zu sein“. Sein Rapsong „Passt schon“ handelt davon, dass der Sänger und Schmerzgrenzen austestende Comedian beim Privatsender Pro Sieben nie etwas Richtiges gelernt hat. Dafür macht er richtig gute Rockmusik, wobei in seiner Rockband mit Gisbert zu Knyphausen als Gast-Bassist ein Musiker zum Einsatz kommt, der ebenfalls schon als Hauptact in Haldern auf der Bühne stand. Als Olli Schulz später zum Duett den dicklichen Bernd Begemann in einem weißen Elvis-Kostüm auf die Bühne holt, singen beide „Wir sind hot, wir sind sexy“. So schön kann Selbstironie sein.

Für den aus Ostwestfalen stammenden Begemann und seine Band Die Befreiung gab es zwei weitere Auftritte. Der ebenfalls extrem komödiantisch veranlagte Sänger trat im Dorfkern in der schnuckeligen Pop-Bar auf sowie im Spiegelzelt. Daraus machten alle Bandmitglieder ein Festivalwochenende inklusive eigener musikalischer Weiterbildung. Diese gibt es auch immer für das ausgesprochen aufmerksame und aufgeschlossene Publikum.

Die 6000 Besucher – mehr Karten gibt es nicht, und entsprechend ist das Haldern Pop immer schon im Winter ausverkauft – geben sich bereitwillig in die Hände des musikalischen Leisters Stefan Reichmann. Der hatte 1984 mit 13 anderen Ministranten das Festival zum Leben erweckt – heute ist es eins der charmantesten Musikfeste in Europa. Die Musiker – in diesem Jahr etwa 60 Bands oder Künstler – loben immer wieder die Offenheit, mit denen ihnen die Besucher begegnen. Genau hier schloss Marcus Wiebusch an. Er stellte die Lieder seines Soloalbums vor. Der frühere Kettcar-Sänger spielte zum Abschluss sein episches Antihomophopie-Lied „Und der Tag wird kommen“ über einen schwulen Fußball-Profi vor. „Das passt ganz genau hier nach Haldern“, sagte Wiebusch.

Das Publikum wird immer wieder mit Entdeckungen beschenkt. So dürften den drei jungen Kölnern AnnenMayKanteret, die sich den Bandnamen aus ihren Nachnamen bastelten, eine große Zukunft bevorstehen. Der zerbrechlich wirkende Sänger Henning May hat eine Stimme, die an Tom Waits erinnert. Ihr Blues und abhackter Swing gepaart mit kräftigem Rock erinnert an Rio Reiser oder Element Of Crime.

Ebenfalls eine Offenbarung war der energetische, impulsive Auftritt auf der Hauptbühne des französisch-englischen Frauen-Quartetts Savages, das in der Tradition der Riot-Girl-Bewegung steht. Die düsteren und harten Klänge passten hervorragend zu ihrem Grundthema Selbstbestimmung und der Kampf dafür. Sängerin Jehnny Beth machte mehrfach Crowdsurfing.

Genauso verblüfft stand man im Spiegelzelt und lauschte dem kräftigen Rock der Sunsets Sons. Standen da etwa die Kings Of Leon auf der Bühne? Sänger und Pianist Rory Williams hört sich an wie Kings-Frontmann Caleb Followill, ihr Sound ist aber auch vom Surfpopper Jack Johnson inspiriert.

Am Samstag gibt es im Spiegelzelt ein klassisches Konzert vom Stargaze-Orchester zu belauschen. Rap, Folk, Rock – Genregrenzen sind in Haldern sowieso nicht gültig.

Quelle: wa.de

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