35. Haldern Pop Festival bietet 80 Bands

Farbig illuminiert: Jake Bugg tritt in der St. Georg-Kirche in der Dorfmitte Halderns auf.

Haldern - Haldern Pop ist immer noch: Große Vorfreude auf einen bestimmten Künstler oder einen besonderen Moment. Doch oft kommt es auch anders und man entdeckt etwas, das einem den Atem raubt. Diese seit Jahren durchgängige Erfahrung macht das kleine Independent-Festival so bereichernd und spannend. Und es steht dafür, dass die Musiker ihre Leidenschaft ausleben und mit ihrem aufmerksamen Publikum teilen.

So ist die Freude bei den Hamburger Politpunkern von Kettcar darüber zu spüren, dass sie bei ihrem Lieblingsfestival nun am Samstagabend der Hauptakt sind. Bassist Reimer Bustorff kokettiert damit, dass er sich während des gesamten Tages Gedanken darüber gemacht hat, ob die Fans ihnen zuhören oder doch wegen anderer Bands wie Love A oder die Sleaford Mods gekommen seien. Natürlich ist der Platz vor der Bühne voll und der 75-minütige Auftritt wird nicht nur wegen der den Bands zufliegenden Herzen zu einem der schönsten an den drei Festivaltagen.

Zu „Trostbrücke Süd“ gibt es ein Video und man hat das Gefühl, als ob man mit den Musikern in einem Linienbus durch Hamburg fährt. Auch „Sommer 89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ und die epische Anti-Homophobie-Hymne „Und der Tag wird kommen“ sind weitere herausstechende Songs. Wiebuschs Menschenfreundlichkeit mündet in der Aussage: „Humanität ist nicht verhandelbar.“

Haldern ist auch ein Ort, an dem sich genre- und auch generationsübergreifend Musiker und aufgeschlossene Liebhaber sowohl schmeichelnder als auch verschrobener Klänge treffen. Und auch nach 35 Jahren ist die Popularität und Besonderheit des Festivals am Niederrhein kein unerklärlicher Glücksfall. Denn es ist eine Dorfgemeinschaft, die die Grundidee weiterträgt und sich für ein Wochenende die musikalische Welt auf dem Reitplatz holt. Das Festival wirkt alleine durch seine Macher sehr geerdet, das strahlt auf die Besucher und Musiker ab. Dieses Festival ist so viel mehr als die Klänge, die es erzeugt.

Haldern Pop-Festival 2018

Der 24-jährige Jake Bugg entschied sich zum Auftakt am Donnerstag für einen Auftritt in der St. Georg-Kirche in der Dorfmitte – er ist aus seiner englischen Heimat größere Konzertorte wie etwa das Glastonbury Festival oder die altehrwürdige Royal Albert Hall gewohnt. Als 17-Jähriger ging der Stern des Singer/Songwriters aus Nottingham auf und alle seine bisherigen vier Alben waren in den britischen Top Ten. Nun steht der junge Musiker, der vom Produzenten-Guru Rick Rubin unter die Fittiche genommen wurde, alleine mit seiner Gitarre vor dem in Pink angestrahlten Altarraum. Seine Stimme erinnert an Buddy Holly, sein kraftvoller Britpop zitiert Beatles oder Oasis, und immer wieder spielt er mit Country-Elementen und bezaubert das andächtig lauschende Publikum. Das gelang zuvor auch schon der Irin Lisa Hannigan, die vom Chor- und Orchesterkollektiv stargaze bei ihren eindrücklichen Songs perfekt unterstützt wurde und eine schöne musikalische Vielseitigkeit entwickelte.

Dieser Funke sprang am Freitagabend bei ihrem Landsmann Connan O‘Brien und seiner Band Villagers nicht über – ein Hauptakt. Der Sänger fand trotz seiner melodienverliebten Popsongs kaum einen Zugang zu seinem Publikum. Welche musikalische Bandbreite auch die 35. Auflage des Haldern Pop bietet, zeigte der kraftvoll-beseelte Hardrock-Soul von Curtis Harding, der mit seiner goldenen und glitzernden Sonnenbrille der Mr. Cool des diesjährigen Festivals war.

Ebenfalls eine glitzernde Sonnenbrille trug die Country-Sängerin Jenny Lewis. Sie bot zudem mit ihren hellblauen Jumpsuit und den rosa-farbenden Fransen einen optischen Höhepunkt. Ihre einprägsame helle Stimme sorgte für einen sonnigen Auftritt.

Weitere Stile sind die mitreißende, farbenfrohe Weltmusik von Seun Kuti & Egypt 80, der Heavy-Metal-Irrsinn der kalifornischen Deerhoof mit dem 1,40 Meter großen Kraftfeld namens Satomi Matsuzaki als Sängerin, die freundlichen Rapper The Lytics und die Niederländer von De Staat, dessen psychedelischer Powerrock im expressionistischen Beschwörungsformel von Sänger Torre Florim als irren Hexenmeister beim „Witch Doctor“ in einem ausgeprägten Tanzkreisel vor der Bühne mündet.

Erstmals hielt am Freitagnacht mit Stefan Florian auch der Schlager Einzug in Haldern, denn der Sänger aus Kaltern in Südtirol (dort findet im Herbst das Partnerfestival statt) interpretiert Songs u.a. von Udo Jürgens oder Frank Sinatra – durchaus gewöhnungsbedürftig. Aber Haldern ist immer musikalischen Stilen gegenüber aufgeschlossen und lässt sich auch nicht von der Diskussion beeinflussen, ob Sänger wie Phillipp Poisel, der Donnerstagnacht spielte, schon zu sehr Mainstream sind.

Denn oft genug geht es schräg, sperrig denkwürdig und ambitioniert bei den 80 Bands zu: Exemplarisch dafür steht die australische Punkband Amyl and the Sniffers aus Melbourne, die am Samstagabend das Spiegelzelt zur Ekstase treibt – ihr erster Auftritt in Europa. Der krächzende Gesang von Amy Tayler ist räudig, die vierköpfige Band trägt grotesk-hässliche Haarschnitte, die den früheren Tennisprofi Andre Agassi feiern. Tayler klettert die Boxentürme hoch, macht Crowdsurfing und bizarre Posen. Ihr rotziger Punkrock erinnert an 80er Jahre-Größen wie UK Subs – hier wird das Leben in vollen Zügen gefeiert – so wie es für das gesamte Festival gilt.

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