Hajnal Németh im Kunstverein Dortmund

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Testsänger für die Revolution: Eine „Postcard“ der Künstlerin Hajnal Németh, zu sehen in Dortmund.

Von Marion Gay ▪ DORTMUND–Der Mann hält den Kopf schräg und legt die Hand aufs Herz. Sein Gesicht drückt Ergriffenheit aus. Eine Frau schwenkt begeistert eine Fahne. Sie hat den Mund weit geöffnet, die Augenbrauen wie im Schmerz zusammengezogen. Was berührt die beiden so? Ein altes Lied, dessen Text sie möglicherweise gar nicht verstehen? Die Fotografien von Hajnal Németh zeigen Personen beim Karaoke-Nachsingen der Marseillaise, seit der französischen Revolution die Nationalhymne Frankreichs.

Zwölf Männer und Frauen stellten sich der ungarischen Künstlerin als Testpersonen zur Verfügung. Einige von ihnen konnten Französisch, andere verstanden kein Wort von dem, was sie da singen sollten. Mitunter kam ein ziemliches Kauderwelsch dabei heraus. Dennoch übertrug sich die Energie und der Enthusiasmus der Musik. Sie sangen das Lied voller Inbrunst, wie der Besucher der Installation „Crystal Clear Propaganda – The Transparent Method“ im Dortmunder Kunstverein mithilfe von audio guides selbst hören kann. Über Kopfhörer klingen die unterschiedlichen Versionen der Marseillaise von französischen Künstlern wie etwa Edith Piaf, übertönt von den zum Teil schrägen Gesängen der Testpersonen. Zusätzlich zeigen Fotografien, wie sehr die Protagonisten während des Singens theatralische und pathetische Posen einnahmen. An den Wänden hängen die Bilder, die streng in den Farben Rot, Schwarz und Weiß gehalten sind und wie politische Plakate wirken.

Um das Ganze auf die Spitze zu treiben und ad absurdum zu führen, hat Hajnal Németh Sprüche in Fettschrift hinzugefügt, die den Anschein politischer Rhetorik erwecken, in Wahrheit jedoch völlig unsinnig sind. Zu lesen ist beispielsweise: „Stop eating dead goat!“ (Hör auf, tote Ziege zu essen) oder „This is my vote!“ (Dies ist meine Wahlstimme).

Die Ausstellung, die anlässlich der 40. Internationalen Kulturtage „scene: ungarn in nrw“ stattfindet, bietet eine Mischung aus Bildern, Texten, Licht, Ton und Inszenierung, mit denen die 1972 in Szöny/Ungarn geborene und heute in Berlin lebende Künstlerin die Mittel der politischen Propaganda untersucht und entlarvt. Sie will zeigen, wie leicht sich Symbole politischer Propaganda missbrauchen lassen. Aber die Ausstellung bietet nicht nur Material zum Betrachten und Hören, der Besucher ist selbst eingeladen, Teil der Ins tallation zu werden. So ist vor der Wand eine Bühnensituation mit Mikrofon aufgebaut, auf das rote und weiße Spots gerichtet sind. Hier kann sich der Besucher selbst in Pose stellen und die Marseillaise mitsingen. Und am eigenen Leib erfahren, ob er sich vom Enthusiasmus der Hymne anstecken lässt.

Bis 6. Juni, di – fr 15 – 18, so 11 – 16 Uhr,

Tel. 0231 / 578736, www. dortmunder -kunstverein.de

Quelle: wa.de

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