Hagens Karl Ernst Osthaus Museum zeigt mit „Der Folkwang Impuls“ die eigene Geschichte

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„Der Auserwählte“ (1903) von Ferdinand Hodler ist das Schlüsselbild der Sammlung Osthaus, zu sehen in Hagen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ HAGEN–Seine erste Idee ist fast vergessen. Das Schlüsselbild seiner Sammlung wollten Politiker der überschuldeten Kommune im letzten Jahr sogar verkaufen. Nun hängt das großformatige Gemälde von Ferdinand Hodler ganz zentral in der Hagener Ausstellung „Der Folkwang Impuls. Das Museum von 1902 bis heute“. Die Schau erinnert an Karl Ernst Osthaus (1874– 1921), den ersten Förderer moderner Kunst und den Gründer eben dieser Folkwang-Sammlung. Und angesichts der Ausstellung, die rund 300 Exponate im Hagener Museum auf 2200 Quadratmeter präsentiert, hat auch Hodlers „Der Auserwählte“ (1903) inmitten der eigenen Sammlung seinen Platz.

Osthaus‘ erste Idee allerdings war ein naturwissenschaftliches Museum. Er hatte selbst Ausgrabungen vorgenommen, war 1898 nach Tunesien und Algerien gereist, kam mit Keramiken und Teppichen zurück. Sogar an ein Haus für islamische Kunst hatte Osthaus gedacht. Für ihn war „der Dialog der Kulturen über die Zeiten hinweg“, der heute die internationale Kunstwelt grundiert, Ziel und Tagwerk zugleich. Im Zeitalter der Nationalstaaten ein Fortschritt.

Dass in Hagen 1902 ein Museum für moderne Kunst eröffnet wurde, geht die Begegnung zwischen dem Künstler-Architekten Henry van de Velde und Osthaus zurück. Der Bankierssohn, der Kunstgeschichte studiert hatte, wollte nun den Menschen im rheinisch-westfälischen Industriegebiet und in seiner Heimatstadt mit Kunst zum besseren Leben verhelfen. Er griff auf ein Erbe von drei Millionen Mark (heute 30 Millionen Euro) zu, das er 1896 von den Großeltern erhalten hatte. Osthaus stieß vieles an: Er förderte die Beschäftigung mit Kunst, er stiftete Bürger zum Sammeln an, er unterstützte Künstler wie Christian Rohlfs und Rudolf Weiß, er versuchte die Textilindustrie in Hagen mit neuen Mustern und Stoffen wirtschaftlich anzukurbeln. Und er kaufte van Goghs, Gauguins und Renoirs Bilder, als Kaiser Wilhelm II. die Franzosen zur „Rinnsteinkunst“ zählte. Für die „Franzosen“ wird Osthaus noch heute gefeiert, denn das Museum Folkwang in Essen glänzt mit diesen Bildern.

Aus Essen kommen die einzigen Leihgaben der Ausstellung. Chinesische Räuchergefäße in Löwenform, arabische Bodenfliesen aus Granada (Südspanien), eine Ganesha-Plastik aus Metall (Indien), eine hölzerne Mönchsfigur (Japan) und eine kleine Marmor-Aphrodite (Griechenland), die der Venus von Milo ähnelt. Diese feine Statuette war seit den 60er Jahren nicht mehr zu sehen. In Hagen wird nun an das „Weltkunstmuseum“ erinnert, sagt Direktor Tayfun Belgin, oder, was der Gründer im Sinn hatte.

Nach Osthaus‘ Tod ging die Sammlung 1922 für 15 Millionen Mark an die Stadt Essen. Hagen wehrte sich, aber das Oberlandesgericht in Hamm segnete den Kaufvertrag zwischen der Ruhrgebietsstadt und den Osthaus-Erben ab. Auch Duisburg und Düsseldorf hatten Interesse, aber ebenfalls nicht genug Geld. 1923 ging die Sammlung des Deutschen Museums für Kunst in Handel und Gewerbe nach Krefeld. Osthaus‘ zweite Museumsgründung, die ab 1909 Design und angewandte Kunst sammelte. Ein Haus gab es nicht.

An die klassische Moderne, die Osthaus bevorzugte, erinnert Pierre-Auguste Renoirs Gemälde „Blick von Haut-Cagnes aufs Meer“ (nach 1903). Das flirrende Licht lässt Meer und Küste, Bäume und Pflanzen zu einer mediterranen Stimmung werden. Daneben zeigt Christian Rohlfs „Ruhr bei Hohensyburg“ (um 1903) den Fluss pointillistisch in Grün und Blau hell getupft.

Kurator Christoph Dorsz hat das Gebäude nicht überfüllt, sondern die Einzelstücke betont. Für den Wiederanfang in den 30er Jahren hängen „Berglandschaft im Sauerland“ (1937) von Willy Ter Hell und Theodor Rocholls „Feuerüberfall“ (1918) – Realismus-Varianten. Nach 1945 erwarb Direktorin Herta Hesse-Frielinghaus auch Künstler, die einst Osthaus favorisierte und die zur klassischen Moderne zählen: Gabriele Münters „Landschaft mit weißer Mauer“ (1910), Oskar Schlemmers Studie „Rot Gegeneinander“ (1928). Hinzu kam das Informel mit Papierarbeiten von Julius Bissier und Willi Baumeister, Gemälde von Ernst-Wilhelm Nay, Fred Thieler und K.R.H. Sonderborg, sowie der abstrakte Expressionismus von Emil Schumacher („Dionysisch“, 1952). Dieser Schatz ist im Altbau ausgebreitet, wo einst Henry van de Velde das Jugendstil-Interieur bestimmte. Viel Raum nehmen noch die Fotografien von Andy Spyra ein. Der Hagener porträtierte die christliche Minderheit im Irak – in Magnum-Qualität.ORTSMARKE –

Die Schau

Von den Anfängen der modernen Kunst in Deutschland und dem Hagener Initiator.

Der Folkwang Impuls im Karl Ernst Osthaus Museum Hagen. Eröffnung Samstag, 16 Uhr, bis 13. Januar, di, mi, fr 10 bis 17 Uhr, do 13 bis 20 Uhr, sa/so 11 bis 18 Uhr;

Katalog 19,90 Euro;

Tel. 02331/207 3138; http://www.osthausmuseum.de

Quelle: wa.de

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