Hagen zeigt, wie Norbert Kricke und Emil Schumacher international bekannt wurden

+
„Ohne Titel“ ist eine von 16 Zeichnungen, die Norbert Kricke 1954 schuf.

Von Achim Lettmann HAGEN - Emil Schumacher und Norbert Kricke zählen zu den großen Künstlern im Westen. Nach 1945 fanden sie Anschluss an die internationale Szene. Angesichts der Nazi-Jahre, die bei Schumacher zur inneren Emigration führten, und des Weltkriegs ist diese Leistung besonders hoch einzuschätzen.

Norbert Kricke, damals 23 Jahre alt, begann 1946 ein Studium bei Richard Scheibe an der Kunsthochschule in Berlin, während der zehn Jahre ältere Schumacher, Vater eines Sohnes, den Wunsch Maler zu werden, noch einmal ganz neu aufgriff. Nun führt das Emil Schumacher Museum in Hagen die zwei Positionen zusammen und verblüfft mit sinnfälligen Vergleichen, die belegen, wie nah sich beide in ihrer künstlerischen Arbeit immer wieder waren: „Norbert Kricke und Emil Schumacher. Positionen in Plastik und Malerei nach 1945.“

Die Ausstellung, die von Rouven Lotz und Ulrich Schumacher kuratiert wurde, ist auf einzelne Begriffe wie Material, Bogen oder Linie konzentriert und sehr didaktisch ausgerichtet. Frage: Was lässt sich vergleichen? Das führt einen gleich zu den Exponaten. Norbert Krickes Bronzeskulptur „Kriechender“ (1949) ist eigentlich mehr ein Tastender, der mit hochgehaltenem Haupt nach vorne schaut, besonders sensibel für seine Umgebung ist und den Kopf nicht hängen lässt. In der Nachkriegszeit ist diese Ausdruckskraft auch ein Signal, das Mut macht und eine bessere Zukunft beschwört. Kricke entwickelt sich aber nicht zum Seismographen einer traumatisierten Gesellschaft, die als junge Republik neue Ziele brauchte. Er wendete sich einer Figurenauffassung zu, die den Naturalismus hinter sich ließ und keine politischen Bezüge suchte. Sein „Kriechender“ spannt sich mit Armen und Beinen über die normalen Proportionen hinaus. Daneben suchen seine weiblichen Rückenakte von 1950 noch die ideale Linie des Körpers. Aber gerade dieses Motiv der genialen Gestalt ist für Kricke Kunstgeschichte, die Auguste Rodin noch aus einer „inneren Vision“ heraus gelang. Kricke (1922–1984), der Rodin verehrte, war klar, dass er etwas Neues suchen musste. Ebenso wie Emil Schumacher (1912–1999), der den Vorkriegskünstler Christian Rohlfs beneidete. Weil der wusste, was er malte, befand Schumacher. In der Nachkriegszeit debattierte der Maler mit Kollegen, die sich 1948 in Recklinghausen zur Gruppe „junge westen“ zusammen fanden. Sie wollten in der Industrieregion künstlerisch arbeiten, international bekannt werden und sich auf das Bauhaus, die Schule für Gestaltung, beziehen. Schumacher und Kricke schätzen die dritte Absichtserklärung weniger.

In Hagen wird das anschaulich belegt. Während Kricke eine technisch-feine Plastik „Kleine weiße Architektonische“ (1950) nannte und an die Rohrsessel und -sofas des Bauhauses erinnert, arrangiert er 1954 ein 16-teiliges Feld aus Zeichnungen, die auf verschiedene Linienstrahlen fokussieren und eben keine rechtwinklige Ordnung mehr zulassen. „Wider den rechten Winkel“ wird dieser Entwicklungsschritt genannt, den auch Schumacher setzt. Der Hagener Künstler treibt die Linie in seinen farbigen Fettzeichnungen (wie „Z-1/1953“) zu vitalen wie surrealen Formen. Beide Künstler sind mittlerweile auf einer Raumsuche, in der Malerei und Skulptur.

Zwei Drittel der Ausstellung nehmen die Arbeiten des Düsseldorfers Norbert Kricke ein. Die Kuratoren sprechen von einer „kleinen Retrospektive“. Die Familien Schumacher und Kricke trafen sich, sagte Ulrich Schumacher, Sohn von Emil Schumacher. Das Verhältnis der Künstler zueinander bewertet der Direktor des Museums als „distanzierte Freundschaft“. Kricke sei eine emotionale Persönlichkeit mit innerer Dynamik gewesen, sagte Schumacher.

Mit der „Raumplastik Weiß“ (1968) von Norbert Kricke ist ein erster Höhepunkt in der Argumentation der Ausstellung erreicht. Der weiß gestrichene Stahl greift als materialisierte Linie aus und schafft für den gemeinten Raum ein neues Gefühl. In „Raumplastik Weiß“ bedingen sich Linien und Schwünge zu einem filigranen Kosmos. Die Plastik ist nicht auf einen Sockel gesetzt, sondern wird in ihrer Bewegung von einem durchsichtigen Acrylstab gehalten. Kricke erzeugt eine Raumstimmung, die in der „Raumplastik“ von 1960 bizarr und ein wenig verwuselt wirkt. Es ist ein Gespinst, das eine eigene Harmonie in der Vielfalt entwirft und Kricke zu einem der bedeutendsten modernen Plastikern machte.

Daneben hält einen das Gemälde „Exte“ (1959) von Emil Schumacher ähnlich gefangen, weil die Linienführung im Bild einen ebenso feinen wie brüchigen Raumgewinn markiert. Das Gemälde „Monzuba“ (1959) ist mit seinen Kratzspuren in der Raumerkundung noch einen Moment sensibler, ursprünglicher.

Für Kricke war die Linie eine Form der Bewegung und die Bewegung eine Form von Zeit. Diese grundsätzliche Erkenntnis ist in der Hagener Ausstellung wunderbar zu erfahren.

Wie die Bogenlinie im Werk Schumachers und die Bogen-Plastik bei Kricke korrespondieren, lässt sich ähnlich verfolgen, wie die Materialität in Schumachers Tastobjekten (von 1957) frappierend modern sind. Während „Farbe“ für Kricke eher eine Durchgangsstation war, reduzieren beide Künstler im Versuch, Ewigkeit und Jenseits zu berühren. Schumachers Leiter-motive in „Hatra“ (1997) steht dafür. Kricke jedoch stellt mit der „Raumplastik“ (1975/01, Große Diagonale) eine freistehende gerichtete Energie auf, die minimalistischer kaum sein kann und doch etwas Überwältigendes hat.

Norbert Kricke und Emil Schumacher. Positionen in Plastik und Malerei nach 1945 im Emil Schumacher Museum Hagen. Bis 13. April; di – fr 10 – 17, do 13 – 20, sa/so 11 – 18 Uhr; www.esmh.de

Katalog, Kettler Verlag, Bönen, 29,90 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare