Gustav Wiethüchter im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal

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Französische Perspektive, eigene Farbe: Gustav Wiethüchters Gemälde „Frau am Tisch mit Stickerei“ (1931), zu sehen in Wuppertal. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ WUPPERTAL–Kantig sitzt die Frau an dem Tisch, unter den Händen eine Stickarbeit.

In seinem Gemälde von 1931 verarbeitete Gustav Wiethüchter aktuelle Tendenzen der französischen Malerei, zum Beispiel die Kombination unterschiedlicher Perspektiven, wie sie Bonnard anwandte, oder auch die abstrahierende Flächigkeit eines Matisse. Die Farben aber stammen von ihm. Die Brechungen, die Hofbildung, das Ausblühen, als sei die Fläche mit einer Säure verätzt oder von Schimmel befallen, das war ein gewollter Effekt. Wiethüchter experimentierte, indem er seine Bilder mit Bernsteinlack überzog. Er nahm damit Farbeffekte vorweg, die Jahrzehnte später in der informellen Malerei ausprobiert wurden.

Das Werk von Gustav Wiethüchter ist von Sonntag an im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal zu sehen. Das Haus präsentiert eine ungewöhnliche Ausstellung des 1873 in Bielefeld geborenen Künstlers, der ab 1900 an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Barmen lehrte. In Wuppertal kennt man ihn noch, sonst ist er fast vergessen. Die letzte Ausstellung zeigte das Von-der-Heydt-Museum 1983. Anlass der aktuellen Schau ist eine Schenkung: Die beiden in der Schweiz lebenden Enkel überließen dem Museum den Nachlass, rund 70 Gemälde, dazu Arbeiten auf Papier und zahlreiche Dokumente. Das Museum sah sich außerstande, den Bestand zu übernehmen. Darum stehen fast alle Bilder zum Verkauf. Mit dem Erlös soll eine Stiftung finanziert werden, die Kunsthistoriker unterstützen soll, vor allem, wenn es um Leben und Werk Wiethüchters geht.

Das ist durchaus spannend, so erläutert Kurator Herbert Pogt. Wiethüchter war einst berühmt. Jährlich waren seine Bilder in den wichtigen Ausstellungen von Berlin zu sehen, in den Salons von Paris. Die Karriere endete 1933, als der politisch links stehende Künstler seine Professur aufgab. Fast wäre er von den Nazis ins Lager verschleppt worden. Seine Bilder versuchte der produktive Künstler vor Kriegsgefahren in Sicherheit zu bringen und deponierte Bestände bei Verwandten in Berlin, Kassel und der Schweiz. Sein Wohnhaus blieb verschont, die Bilder in Berlin und Kassel wurden im Bombenkrieg vernichtet. 1946 starb er, es gab noch eine Gedenkausstellung. Danach geriet er in Vergessenheit.

Es ist eine milde Form der Moderne, die Wiethüchter pflegte. Seine Malerei blieb gegenständlich, sein avantgardistischstes Bild malte er um 1920, „Die Ehe“, bei dem er die Gesichter von Mann und Frau übereinander legte und die Bildfläche in geometrische Felder brach, ein Bild zwischen Kubismus und Expressionismus. Expressive Vereinfachungen und eine markante Farbigkeit prägen seine Kunst. Seine liebsten Motive sind Blumen-Stillleben, Landschaften, oft aus dem Sauerland, wo die Familie den Urlaub verbrachte, später aus der Schweiz, wo eine Tochter lebte, die er regelmäßig besuchte. Hinzu kommen Genre-Szenen mit Bauern und Kühen.

Wiethüchter muss, berichtet Pogt, ein sehr guter Lehrer gewesen sein. In Wuppertal sind auch Arbeiten seiner Schüler ausgestellt, der bekannteste war Jankel Adler.

Eröffnung so, 11.30 Uhr, bis 26.6., di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 0202/ 563 6231, www. von-der-heydt-museum.de,

Katalog 15 Euro

Quelle: wa.de

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