Gustav-Lübcke-Museum in Hamm zeigt die Viegeners: „Foto Farbe Form“

Pastose Farben, breite Pinselschwünge: „Soest im Herbst“ (1919) von Eberhard Viegener ist in der Ausstellung „Foto Farbe Form. Bildwelten der Brüder Viegener“ ab Sonntag im Hammer Gustav-Lübcke-Museum zu sehen. Foto: mross

Hamm Wie Eberhard Viegener die Farben verdichtete und mit dem Gemälde „Soest im Herbst“ die Stadt 1919 zu einem Stimmungsbild machte, zählt zu den ausdrucksstarken expressiven Werken dieser Kunstepoche in Westfalen. Viegener, in Soest geboren, ließ sich von den künstlerischen Entwicklungen seiner Zeit immer wieder inspirieren. Der Maler hat einen festen Platz in der regionalen Kunstgeschichte. Auch das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm besitzt einige „Viegeners“.

Das Haus eröffnet am Sonntag (11.30 Uhr) eine Ausstellung, die neben der Würdigung Eberhard Viegeners (1890–1967) mit zwei Positionen aufwartet, die überraschen. Seine Brüder Fritz (1888–1976) und Josef (1899–1992) arbeiteten ebenfalls mit künstlerischem Anspruch. Während der eine sich vor allem als Bildhauer profilierte, war der jüngste der drei ein Fotograf, der ab 1925 in Hamm ein Atelier betrieb. Titel der Schau: „Foto Farbe Form. Bildwelten der Brüder Viegener“. Insgesamt sind 200 Arbeiten zu sehen.

Alle drei waren Autodidakten und hatten jeder für sich ein Gespür für ästhetische Modernisierung. Vor allem Josef, der in Hamm zum stadtbekannten Lichtbildner avancierte. In seinem Geschäft in der Oststraße standen die Menschen und schauten in den 1920er Jahren Filme, die im Schaufenster liefen. Er verkaufte Kameras wie eine Kodak mit Klappbalgen für Rollfilme. Auch seine Werbemittel dazu waren hochmodern. Dass Josef Viegener aber mehr war als ein Händler und Chronist, belegt die Arbeit von Maria Perrefort und dem Medienzentrum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL). In Münster liegt der Nachlass des Fotografen seit 1999. Damals hatte sein Sohn Werner, der das Atelier 1968 vom Vater Josef übernommen hatte, dem LWL signalisiert, dass im Keller an der Ostenallee 29 noch einiges zu finden sei. Josef Viegener war in Hamm ausgebombt worden und dann an die Ostenallee gezogen. Der LWL sicherte und inventarisierte Viegeners Glasplatten und Rollfilme.

Das LWL-Medienzentrum, das 500 000 Bild im Bestand hat, hält von Josef Viegener derzeit 2500 Fotografien vor, die auch online zu erschließen sind. Maria Perrefort, Kuratorin für Stadt- und Regionalgeschichte im Lübcke-Museum, wandelte seit 2013 Bildscans aus Viegeners Negativ-Bildnachlass zu Positiven. Aus ihrem Interesse, eine stadtgeschichtlich orientierte Studioausstellung zu machen, ist nun eine umfassende Präsentation geworden, die den Glücksfall würdigt, dass drei Brüder künstlerisch in Westfalen überzeugen konnten. Markus Köster, Leiter des Medienzentrums in Münster, hat Viegeners Fotos aus über vier Jahrzehnten ins „Bildarchiv für Westfalen“ aufgenommen. Dies sei eine typisch städtische Fotosammlung und exemplarisch für die Arbeit eines Stadtfotografen, sagte Köster  in Hamm. Vor allem Porträts hat der Auftragsfotograf angefertigt und wenig auf „eigene Faust“ gearbeitet. Aber wie professionell Viegener vorging und wie künstlerisch ansprechend seine Arbeit war, belegt die Ausstellung. Alle Lichtbilder wurde digitalisiert und auf Alu-Dibond-Platten gedruckt. Übergroß ist das Bild „Fördertürme der Zeche Sachsen, Heessen, 1959“ zu sehen. Scharf geschnitten hebt sich die Industriearchitektur ab und gibt dem Bild eine dominierende Struktur. Auch der Ruhrgebietsfotograf Albert Renger-Patzsch, der nach dem 2. Weltkrieg wie Eberhard Viegener in Wamel bei Soest wohnte, schuf solche kontrastreichen Bilder. In sieben Kapiteln (zur NS-Zeit, Bombenkrieg, Stadtleben...) ist zu sehen, wie Viegener sachlich, modern und als Porträtfotograf charaktervolle Aufnahmen machte, die neben seinem künstlerischen Impuls immer auch der Intention des Auftraggebers entsprachen.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt allerdings auf Eberhard Viegener. Exemplarisch ist in Hamm nachzuvollziehen, dass der Soester sich von Kunststilen inspirieren ließ. Als Dekorationsmaler im väterlichen Betrieb gestartet, besuchte er immer wieder die Osthaus-Sammlung in Hagen und lernte expressive Malerei kennen. Ist sein „Rauchender Knabe“ (1909) noch wohlmeinend und volkstümlich geraten, probiert der Künstler mit „Blühende Kirschbäume“ 1916 den Pointillismus. Dann wird er in „Drei alte Scheunen“ (1918/20) expressiv und favorisiert 1922 die Dinghaftigkeit der Neuen Sachlichkeit, als er den „Gutshof im Schnee“ glatt und flächig konstruierte. Sein Gemälde „Abendmahl“ (1917) gruppiert drei Bauern. Auf seinen Schweiz-Reisen hatte der Maler Bilder von Ferdinand Hodler kennengelernt.

Diana Lenz-Weber, stellvertretenden Leiterin des Lübcke-Museum, nennt ihn denn auch den „Künstler seiner Zeit“. Viegener, der mit der Halbjüdin Cecilia Brie verheiratet war, verlegte sich im NS-Staat auf realistische Stillleben (1934, „mit Zwiebeln“) und Landschaften (1934, „mit Steinbruch“), die unauffällig waren. Er nannte sie „seine Brotbilder“, die ihm oft Bauern abkauften. Ein Schlaganfall in den 50er Jahren erschwerte ihm die Arbeit.

Erst mit 30 Jahren fühlte sich Fritz Viegener als Künstler. Vor allem Grafiken und Skulpturen machen sein Werk aus. Wie Bruder Eberhard waren seine Themen Bauern, Frau mit Kind, Landschaften und religiöses Leben. Expressiv und abstrakt sind seine Holzschnitte wie „Weiden“ (1912) und schon studienhaft seine Zeichnungen wie „Sitzender Bauer“ (1947). Das große Holzrelief „Abendmahl“ (1928) zeigt zwölf Männer und eine Frau. Markant und realistisch wirkt auch die Holzbüste „Kopf der Frau K.“ (1932). Später wurde der Plastiker abstrakter. Seine kleine Bronze „Mutter mit Kind“ (1953) ist so rundlich-kompakt ausgeführt, dass die gefühlte Umarmung des Kindes ganz aus der Form entwickelt ist.

Aufgrund der Raumaufteilung im Lübcke-Museum lassen sich die Einzelpositionen erleben und die thematischen Bezüge der Brüder erkennen. In der dichten Präsentation entwickelt sich der Eindruck, hier etwas entdeckt zu haben.

Die Ausstellung

Erstaunlich dicht und überzeugend sind die künstlerischen Arbeiten einer Familie aus Westfalen präsentiert.

Foto Farbe Form. Bildwelten der Brüder Viegener im Gustav-Lübcke-Museum Hamm.

Eröffnung, Sonntag, 11.30 Uhr, bis 6. Oktober; di-sa 10 – 17 Uhr; so 10 – 18 Uhr;

Tel. 02381 / 175714;

www.museum-hamm.de

Katalog, Tecklenborg Verlag, Steinfurt, 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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