Das Gustav-Lübcke-Museum Hamm zeigt Gerichtszeichnungen

Der Angeklagte ist gesondert weggesperrt, vorn sagt eine Zeugin aus: Cony Theis zeichnete 2004 das Geschehen im Prozess gegen den belgischen Sexualmörder Marc Dutroux in Arlon. Zu sehen ist das Blatt in der Hammer Ausstellung „Fotografieren verboten!“. Fotos: Reiner Mross

Hamm – Die Gerichtssituation erkennt man sofort: Vorn sitzt eine Zeugin vor dem erhöht sitzenden, in eine rote Robe gekleideten Richter. Auf ihrer Zeichnung von 2004 hat Cony Theis das Verfahren gegen den belgischen Sexualmörder Marc Dutroux festgehalten. Man sieht den am Ende zu lebenslanger Haft verurteilten Serientäter hinten links in einer abgesonderten Kammer. Die Künstlerin hat Beisitzer und Prozessbeobachter im Vordergrund bewusst nur flüchtig und blass skizziert. So kann sich der Betrachter ganz auf die zentralen Figuren konzentrieren.

Ausgestellt ist das Blatt im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm. Von Sonntag an zeigt das Haus die Schau „Fotografieren verboten! Die Gerichtszeichnung“. Es ist ein Beitrag zum 200-jährigen Bestehen des Oberlandesgerichts Hamm, das 1820 auf Anordnung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. von Kleve nach Westfalen verlegt worden war.

Museumsdirektor Ulf Sölter hat dafür ein ebenso reizvolles wie selten museal präsentiertes Thema gewählt. Der Ausstellungstitel fixiert geltendes Recht: Zwar sind in Deutschland Gerichtsprozesse (mit genau definierten Ausnahmen) öffentlich. Aber Ton- und Bildaufnahmen sind verboten, um eine ungestörte Wahrheitsfindung zu gewährleisten. Zeichnungen aber sind gestattet. In den rund 80 Arbeiten der Ausstellung dokumentieren fünf Künstler einige der spektakulärsten Verfahren der letzten Jahrzehnte.

Zumindest in einem der dokumentierten Prozesse war Hamm Schauplatz: Im Fall Klausner ging es um die Folgen des Orkans Kyrill 2007. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hatte mit der Klausner-Gruppe in Österreich einen Vertrag über die Abnahme des Holzes der entwurzelten Bäume. Es stellte sich heraus, dass es gar nicht so viel Bruchholz gab, wie in dem Vertrag festgeschrieben war. Die Klausner-Grippe klagte auf Ersatzlieferungen und Schadenersatz und scheiterte damit abschließend vor dem OLG Hamm. Martin Burkhardt hat in dem Verfahren gezeichnet.

Gerichtszeichnungen entstehen unter Zeitdruck: Sie müssen im Gerichtssaal fertig werden, die Abnehmer erwarten eine schnelle Lieferung. So entsteht eine besondere Bildsprache. Die Blätter haben immer Skizzencharakter. Hintergründe sind oft nur angedeutet, der Zeichner fokussiert sich auf die Dinge, die wichtig sind. Wenn die Beteiligten nicht gerade ohnehin Menschen des öffentlichen Lebens sind wie der frühere Bundespräsident Christian Wulff (gegen den ein Verfahren wegen Bestechlichkeit eröffnet wurde) oder der Wetterpräsentator und Talkshow-Moderator Jörg Kachelmann, dann muss der Zeichner auch die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten beachten. Wenn eine Zeichnung zu ähnlich, zu fotografisch ist, kann das Gericht sie untersagen. Und natürlich sitzt der Zeichner im Zuschauerraum. Darum sieht man oft Personen im Zeugenstand nur von hinten, das Gesicht nur angedeutet.

Aber auch dieser ästhetischen Gleichförmigkeit gewinnt die Schau Spannung ab. Martin Burkhardts zeichnete im Prozess gegen Kachelmann, dessen Ex-Freundin 2010 behauptete, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Das ergab viele Bilder von Frauen – das vermeintliche Opfer, Zeuginnen, Gutachterinnen, alle in diesem extremen Profil. Kurator Sölter hängt zehn dieser Blätter und stellt dieser Gruppe den Angeklagten gegenüber. Darüber hinaus montiert der Berliner Grafiker Bo Soremsky seine Skizzen aus dem Gerichtssaal zu einer interaktiven Gerichtsreportage, in der der Betrachter zu den Personen auf dem Bildschirm Textfelder öffnen kann. Sie wird mit einigen Originalskizzen ausgestellt.

Besonders expressiv sind die aquarellierten Blätter von Cony Theis. Sie zeichnete auch 1991 beim Verfahren gegen die Entführer und Mörder der Gladbecker Geiselnahme, und sie achtet eben auf charakteristische Details wie die Tätowierungen Hans-Jürgen Rösners, zeigt aber auch das Publikum. Sie arbeitet inzwischen nicht mehr an Gerichten, sondern hat eine Professur an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg. Sie hat über 100 Prozesse begleitet. In Hamm sind auch neuere Arbeiten zu sehen, darunter Blätter, die sie Verbrechensopfern wie dem entführten und ermordeten Schüler Jacob von Metzler, dem entführten Millionenerben Jan Philipp Reemtsma, der Dutroux-Überlebenden Sabine Dardenne und dem damaligen SPD-Politiker Oscar Lafontaine, auf den eine Frau ein Messerattentat verübt hat. Aus diesen Bildern schuf sie das Mobile „Justitia“, bei dem jeweils ein Opfer und ein Täter gleichsam gegeneinander abgewogen werden.

Manchmal geht es aber auch nicht um Leben oder Tod, sondern nur um viel Geld: 2009 hatte der Schlagersänger Heino seine Versicherung verklagt. Sie sollte die Kosten einer wegen Erkrankung ausgefallen Tour erstatten. Weil aber der Musiker Vorerkrankungen verschwiegen hatte, scheiterte die Klage. Theis porträtierte Heino und seine Frau Hannelore vor Kamera und Mikrophon, vor dem Saal. Obwohl Fotografieren da erlaubt war, fängt die Skizze die Situation kongenial ein.

21.6.–3.1.2021, di – sa 10 – 17, so bis 18 Uhr,

Tel. 02381/ 175 714, www.museum-hamm.de

Quelle: wa.de

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