Das Gustav-Lübcke-Museum Hamm würdigt Otmar Alt

Blick auf das Virus: Otmar Alts Bild „Corona, die neue Zeit – 9“ ist in Hamm zu sehen. Foto: Museum

Hamm – Otmar Alt malt immer noch fleißig. Im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm kann man von Sonntag an drei Bilder aus dem Zyklus „Corona, die neue Zeit“ sehen. Eins ist noch unvollendet. Auf den anderen beiden sieht man amöbenartige Figurationen in den typischen, leuchtenden Farben, die seine Malerei seit langem ausmachen. Auf einem rotgrundigen Werk scheint das Virus uns fröhlich zuzuwinken.

Im Juli feierte Alt seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass widmet das Museum dem seit 1977 in Hamm lebenden Maler die Werkschau mit dem schönen Titel „Das Leben ist ein Versuch“. Mit 150 Werken von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart wird die Produktivität eines überaus erfolgreichen Künstlers gewürdigt, der, wie Museumsdirektor Ulf Sölter es formuliert, identitätsstiftend für die Stadt ist.

Kuratorin Diana Lenz-Weber stand vor einer Mammutaufgabe. Eine Tübinger Galerie verwahrt allein 2500 Werke Alts, in seiner Stiftung gibt es gut 5000. Was der Meister alles gemalt, gezeichnet, gestaltet hat, lässt sich einfach nicht überschauen. Aus der Überfülle galt es eine einigermaßen repräsentative Auswahl zu treffen, die zudem sinnvolle Schwerpunkte setzt. Lenz-Weber fokussiert sich auf den Maler Alt, der das Handwerk von 1960 an an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin lernte. Dabei blendet sie den anderen Alt nicht aus, auch nicht den kommerziellen, der zum Beispiel Porzellan für Rosenthal gestaltete. Aber einige Exzesse wie Armbanduhren und ein Bobbycar, bleiben ausgespart. Die Ausstellung rückt durchaus einige stärkere Seiten des Künstlers in den Vordergrund.

Die Schau im Oberlichtsaal ist, auch um den coronabedingten Hygienevorschriften zu entsprechen, offen gestaltet und folgt grob der Chronologie. Wer das Oeuvre Alts einigermaßen verfolgt hat, wird nicht überrascht. Man begegnet den Anfängen des Künstlers, die sich an der Nachkriegsabstraktion orientieren, dem Informel, wie man am Gemälde „o.T. (Stuhl)“ (1964) gut erkennt. Schnell aber löst sich Alt von diesen Vorbildern. Seine frühe Erfolgsformel: In Bildern wie „Der Traum der Wiese“ (1965), „Elefantenläufer“ (1966) und „Der versteckte Maulwurf“ (1967) übersetzt er die organischen Formen des Informel in die von scharfen Konturen und klaren Farben dominierte Stilistik der Pop-Art. Die Bilder bleiben abstrakt, aber die Titel führen den Betrachter dazu, Figurationen in das Gesehene zu interpretieren. Eine weitere Inspirationsquelle sind die lyrischen Figurationen eines Joan Miró. Damit traf Alt den Zeitgeschmack, seine erste Ausstellung in der Berliner Galerie Katz war ein Erfolg.

In den 1970er Jahren entwickelte er seine Bildsprache weiter, ohne das grundlegende Prinzip aufzugeben. Er öffnet die Farbräume, indem er Flecken und Muster hineinnimmt. Alt „dekoriert ein bisschen mehr“, formuliert Kuratorin Lenz-Weber es. Die Gemälde wirken nun kleinteiliger, haben etwas Collagehaftes wie in „Winnetou“ (1973), wo Alt einen grünen Strang auf einem rotmelierten Grund ausfächern lässt in eine Art Palmenfächer mit vier Blättern. Das Grün ist belebt mit Flecken, an einigen Stellen hat der Künstler Folienstücke einmontiert. Man kann da an einen Kampf denken, an ausgestreckte Arme, einen Federschmuck. Die Formen in dem Bild lassen die Assoziationen zu, ohne eindeutig zu werden.

In den 1980er Jahren ändert sich nicht nur der Malstil hin zu einem expressiveren Strich. Nun nimmt der Künstler dem Betrachter die Assoziations- und Phantasiearbeit ab, wird figürlich und eindeutig. Da bevölkern die Raben, Katzen, Schafe, Clowns und Artisten die Bilder. Vor einer Wand mit mehreren Arbeiten dieser Phase denkt man weniger an die großen Kollegen Miró und Picasso, die der Katalogtext aufruft, sondern an Bilderbuch und Mordillo. Es ist die Zeit, in der auch die große Vermarktung einsetzt, mit neckischen Glasfiguren und munter-buntem Kaffeegeschirr. Manche dieser Objekte wie der „Genschman mit Maske“ (1988) vertragen sich bestimmt gut mit dem Gartenzwerg von nebenan.

In einer Gemälde-Serie von 2016 widmet sich Alt einigen Kollegen, zum Beispiel setzt er eine Art Maske ins Bild und nennt das „Erinnerungen an Andy Warhol“. Ein weiteres Bild teilt er: Rechts schaut ein realistisch aufgefasstes, weißes Gesicht hinter einer Wand hervor. Links sieht man eine Gruppe fröhlicher kleiner Alt-Gestalten wie Puppenköpfe aufziehen. Das Werk widmet Alt Wilhelm Lachnit, einem politisch-künstlerischen Weggefährten von Otto Dix und Conrad Felixmüller. Wirkliche Bedrohlichkeit strahlt „Der Lauscher an der Wand“ aber nicht aus.

Die Lebensfreude des Künstlers ist ungebrochen, wie Gemälde von 2019 andeuten, in denen Alt sich als stilisierten Seemann auf kleinen Booten aufbrechen lässt („Traumreise“, „Auf hoher See“). Wer die unbeschwerten, von Geheimnissen unbehelligten Bildwelten mit kräftigen Farben mag, der kommt in der Hammer Schau auf seine Kosten.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, 11.10.-7.3.2021, di – sa 10 – 17, so bis 18 Uhr,

Tel. 02381 / 175 714, www.museum-hamm.de

Katalog 24,40 Euro

Quelle: wa.de

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