Günther Jauch startet erfolgreich mit ARD-Polittalk

Im Einzelgespräch: Günther Jauch mit Marcy Borders, die als „Dust Lady“ bekannt wurde. ▪ ARD

BERLIN ▪ Es war ein leises Thema, mit dem Günther Jauch seinen Einstand als Talk-Gastgeber der ARD gab. Darum wohl blieben dem Zuschauer die aufgeregten Selbstdarstellungen der immergleichen Parteipolitiker erspart, kam es tatsächlich zu Momenten des Dialogs über den 11. September 2001 und seine Folgen. Insoweit hatte der Ex-Verteidigungsminister Peter Struck Recht mit seinem etwas gönnerhaften Urteil: „Herr Jauch, Sie haben das gut gemacht.“

Der 1956 in Münster geborene Moderator hatte vorab versucht, die „übernatürlichen Erwartungen“ zu dämpfen. Man merkte Jauch auch das Lampenfieber an, als er das Publikum begrüßte. Das Ambiente im Berliner Gasometer funktionierte jedenfalls. Keine glatte Glamourbühne war da zu sehen. Die futuristische Kuppel im rauen Gemäuer signalisierte die richtige Mischung aus Nüchternheit und Show. Die Kamera blieb ruhig, die Einspieler erschienen zunächst in grober Körnung auf den Wänden des Industriebaus, was überzeugend die Verbindung zwischen Live-Talk und vorbereitetem Material schuf.

Ein bisschen „Stern TV“ war auch dabei, zum Beispiel beim gefühlsschweren Auftritt der „Dust Lady“ Marcy Borders, deren Bild 2001 um die Welt gegangen war. In melodramatischen, mit kitschigen Pianoklängen untermalten Bildern war von ihrem Schicksal die Rede, von Drogen und Alkohol, von einem Lebensweg, über den man hätte sprechen können. Aber Jauch hatte Frau Borders über den Atlantik fliegen lassen, um sie dann kaum drei Minuten lang Banalitäten zu fragen wie: „Wie geht es Ihnen jetzt?“ Da stand der Aufwand in keinen Verhältnis zum Ertrag für den Zuschauer, es sei denn im Ausstellen der aufwändig zurechtgemachten Überlebenden. Das war purer Boulevard, zielte aufs Herz des Zuschauers, nicht auf sein Hirn. Für den Anspruch des Sendeplatzes war das zu wenig.

Ähnlich funktionierte die Auswahl der Gäste. Was Fußballtrainer Jürgen Klinsmann zum Themenfeld Terror, Trauma, Krieg beizutragen hatte, bleibt fraglich. Er schwadronierte einige peinliche Male zu oft darüber, wie „der Amerikaner“ so lebt. Auch Elke Heidenreichs Erinnerungen an den 11. September hatten nicht gerade Ewigkeitswert.

Nun war aber nicht alles schlecht an Jauchs Start, im Gegenteil. Die Mutter des in Afghanistan gefallenen Bundeswehrsoldaten, die streckenweise erschreckend heiter wirkte, der man aber in Nahaufnahme die tiefe Verwundung ansah, hatte etwas zu sagen und wirkte neben manchem Profi-Fernsehmenschen wunderbar rational. Und bei Peter Struck machte sich angenehm die Distanz zum einstigen Job bemerkbar: Er schilderte ruhig die Innensicht jener aufgepeitschten Tage. Und selbst Jürgen Todenhöfer, der zum Friedensaktivisten konvertierte einstige konservative Hardliner, hatte seinen Moment, in dem er einräumte, er könne verstehen, dass man damals zurückschlagen habe müssen.

Jauch musste einige Male auf seine Karteikarten schauen, leitete im übrigen aber die Runde souverän. Er rief jedoch noch etwas zu oft Äußerungen ab, statt ein Gespräch in Gang zu bringen. Er wirkte solide, fremdelt noch etwas im neuen Format.

Die Erwartungen der ARD, speziell beim verantwortlichen NDR, hat die Sendung jedenfalls erfüllt. Wo die anderen Talkrunden noch ihr Publikum suchen und unter dem Quotenschnitt dahindümpeln, da lockte der prominente Moderator satte 5,1 Millionen Zuschauer (18,6 Prozent Marktanteil), mehr als Anne Will hier je hatte. ▪ Ralf Stiftel

Quelle: wa.de

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