Große Rolle für Adorf: „Der letzte Patriarch“

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Das Überraschungspäckchen mit dem Marzipanbrot „Made in China“ löst bei Konrad Hansen (Mario Adorf) und seiner Frau Valerie (Ursula Karven) sorgenvolle Mienen aus in dieser Szene aus dem Film „Der letzte Patriarch“. ▪

Von Bernd Luig ▪ Seine Hände zittern. Nur mit Mühe gelingt es ihm, die Weingläser ordentlich einzuschenken. Wer die trotzige Tatkraft des „großen Bellheim“ oder den neureichen Protz des Klebstofffabrikanten Heinrich Haffenloher („Kir Royal“) erwartet, reibt sich verdutzt die Augen. In der Rolle als „der letzte Patriarch“ zeigt Mario Adorf ungewohnte Gebrechlichkeit. Schwächen offenbaren sich. Von alter Stärke keine Spur. Zum Auftakt des unterhaltsamen Zweiteilers, den die ARD heute im Doppelpack ausstrahlt, entmachtet sich das Oberhaupt einer traditionsreichen Lübecker Marzipan-Dynastie selbst.

Die Eingangsszenen am prachtvollen Stammsitz des Süßwaren-Zampanos bieten eine gute Gelegenheit, das Personal kennen zu lernen – jene schicksalhaft verbundenen Handlungsträger, die drei Stunden lang dieses märchenhafte Geschenk der ARD zum 80. Geburtstag von Mario Adorf mit Leben erfüllen. Allen voran natürlich der spielfreudige Jubilar.

Als Konrad Hansen hat er seine drei Kinder samt Anhang an einem Sonntagmorgen ins Elternhaus bestellt. Kurz und knapp verkündet der „Papa“ mit dem weißen Haar, worauf die Familie schon „so lange“ hat warten müssen: „Ich trete ab!“. Im gleichen Atemzug kürt er seinen Nachfolger („Du Lars wirst ab heute das Kommando übernehmen“) – und stößt alle anderen natürlich vor den Kopf.

Den Auserwählten, seinen jüngster Sohn (Max Urlacher), sieht der Senior als „einen Visionär“, der mit dem Bau einer Marzipanfabrik in China dem Lübecker Traditionsunternehmen den Eingang zu den Weltmärkten geöffnet habe. Sein ältester Sohn Sven Hansen (Kai Scheve), klassisch ausgebootet, spült geschockt den Wein in einem Schluck hinunter. Als Tochter Britta (Julia Richter) für ihn Partei ergreift, weist ihr Vater die „stille Teilhaberin“ in die Schranken: „Er hat als Leiter der Fabrik den Job anständig gemacht...“ Zu allem Überfluss muckt auch noch seine Ehefrau Valerie (Ursula Karven) auf. Die junge, zickige Stiefmutter blafft den Gatten an, er habe ihre Firma verschenkt.

Während am Hof des Konfekt-Königs der Haussegen schief hängt, braut sich im fernen China ungeahntes Ungemach zusammen. In Shanghai reißt sich ein junger Mann nach einem Geschmackstest die Augenbinde vom Kopf und brüllt seine Freude laut heraus. Ihm ist offenbar beim Kopieren des streng gehüteten Marzipanrezeptes der Hansens der große Wurf gelangen. Der Plagiator trumpft ausgerechnet dort auf, wo das Lübecker Traditionshaus Fuß fassen möchte.

Reichlich Konflikstoff und manches familiäre Geheimnis schlummern noch in dieser Geschichte. Drehbuchautorin Brigitte Blobel hat die facettenreiche Süßwaren-Saga natürlich für Mario Adorf maßgeschneidert. Das souverän glänzende Geburtstagskind darf seine schauspielerischen Qualitäten prächtig in Szene setzen. Ein besonders gelungener Kunstgriff drängt alle vorhersehbaren Wendungen und arg konstruierten Spannungsbögen in den Hintergrund: Mit Ruth Buchleitner (Hannelore Elsner) taucht eine Figur auf, die den gar nicht so machtbesessenen „letzten Patriarchen“ immer wieder wunderschön erdet. Wie ein begossener Pudel klopft der große Hansen bei seiner Jugendfreundin an die Tür. Wenn er mit der Künstlerin die Oberbetten bezieht und von gemeinsamen Reiseerlebnissen schwärmt („Nur Bastmatten auf nacktem Beton“), mimt Mario Adorf diese Vertrautheit lausbubenhaft und voller Charme.

ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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