Große Heldin: Lucia di Lammermoor in Dortmund

DORTMUND – Besonders viel von Liebe und Angst ist da nicht zu spüren: Edgardo trägt Kassengestell und Angestelltenanzug und besiegelt den Treueschwur zu seiner Lucia mit markigem Händedruck, bevor er nach Frankreich entschwindet. Von Edda Breski

Da gibt‘s keine großen Gefühle, und wenn da nicht die überragende Christina Rümann als Lucia wäre, bliebe nicht viel von all den widerstreitenden Regungen, die Gaetano Donizetti in der Liebesszene des ersten Aktes von „Lucia di Lammermoor“ in Lyrismen und melodische Ausbrüche bannte. Die Regie der „Lucia“, wie sie an der Oper Dortmund gezeigt wird, wirkt zustandsbefreit. Regisseur Christian Pape versucht, das Libretto von Salvatore Cammarano (nach der Vorlage von Sir Walter Scott) mit all seinen Affekthandlungen zu konterkarieren, indem er seine Bebilderung bis hin zur Anspielung minimiert. Diesen Anspielungen fehlt aber der verbindende rote Faden.

Pape lässt seine Figuren um eine Art Käfigwand kreisen, die er mitten auf die Drehbühne gesetzt hat (Bühne und Kostüme: Alexander Lintl). Viele Büro- und Holzstühle stehen bereit. Eine kalte Welt, in der gesellschaftliche Obliegenheiten zählen. Enrico Ashton (Simon Neal) sieht aus wie ein Edelmann des 19. Jahrhunderts, mit aufgebürstetem Haar und Cape. Der Chor trägt 20er-Jahre-Kostüme, die Männer tragen schwarze Uniformen. Dazu kommen ein paar Halbstarke in moderner Kleidung: Arturos Gang. Einem direkten Zeitbezug geht Pape aus dem Weg. Er setzt dafür eine metaphorische Klammer: Zu Beginn weidet Enrico einen Hirsch aus, am Ende ist es Lucia, der, bildlich gesprochen, das Herz herausgerissen wird.

Pape deutet an, ohne weiterzuführen: Edgardo und Lucia können sich einander zunächst nicht körperlich nähern, weil sie beide im Grunde lebensfern sind. Lucia presst – ein guter Einfall – Blumen, tote Tiere und Edgardos versiegelten Liebesschwur zwischen Foliantenblättern wie Naturexponate. Aber die Idee des Nichtberührenkönnens setzt Pape nicht konsequent fort, seine Ansätze bleiben Möglichkeiten. Viele Szenen sind stark vom Schauspiel her gedacht, nicht vom Musiktheater.

Lucia wird im Fortgang der Oper zum menschlichsten Wesen in einer Galerie von Männern, die ihre Interessen durchsetzen wollen. Das liegt aber nicht an der Regie, sondern an Christina Rümann. Sie verleiht der Lucia mit ihrer gut fundierten, jugendlichen Stimme eine anrührende Emotionalität. Wie Rümann in der Szene mit Enrico, der Lucia zur Ehe mit dem verhassten Arturo zwingt, dem Seufzer „O ciel“ ein exquisites Beben verleiht, wie sie im Duett mit Edgardo (Charles Kim) den Sturm einer ersten, großen Liebe entfesselt, das ist mehr als hörenswert. Und die „Lucia“ lebt vor allem von den glitzernden Koloraturen, der Beweglichkeit und Spannbreite der Stimme, vor allem in der berühmten Wahnsinnsszene: Da trumpft Christina Rümann auf. Sie gestaltet die halsbrecherischen Läufe sicher, nutzt ihre kraftvolle Höhe und bietet dabei ein anrührendes Rollenportrait.

Neben Rümann wirkt Charles Kims Edgardo blass. Er steigert sich in wilde Ausbrüche hinein, verlässt sich aber dabei zu sehr auf seine Kraft. Simon Neal ist ein klotziger Enrico – ein reiner Bösewicht. Bart Driessen ist ein edler Raimondo, die Chorszene „Ah! qual funesto avvenimento!“ ist ebenfalls einer der starken Momente des Abends. Der Chor (Einstudierung: Granville Walker) wirkt kompakt und machtvoll.

Im Orchestergraben ist Motonori Kobayashi ein nüchterner Sachwalter von Donizettis Musik. Er zeigt streckenweise allzu wenig Flexibilität, führt aber das Ensemble zu mitreißenden Akthöhepunkten.

Quelle: wa.de

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