Große Beuys-Schau bei Quadriennale in Düsseldorf

+
Ein verschlüsseltes Heiligenbild. Beuys schuf 1964 „Kopf Brust Unterleib der Magd Joseph Beuys“, zu sehen in Düsseldorf.

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Die Landeshauptstadt feiert sich. „Der Westen leuchtet“, das verkündet Oberbürgermeister Dirk Elbers. Konkurrenz sucht man ganz oben.

Dem kecken Profil des Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit setzt man das wohlsituierte des Besitzenden gegenüber: Reich und sexy, das sei auch ganz gut. Düsseldorf leistet sich zum zweiten Mal eine „Quadriennale“, unterstützt das Kunstfest mit mehr als 5 Millionen Euro, und zündet so ein Ausstellungsfeuerwerk, das seinesgleichen sucht. Ein rundes Dutzend Ausstellungen soll das Publikum an den Rhein locken – hier hat man‘s noch. Man setzt auf die Moderne: „Kunstgegenwärtig“ lautet das Etikett. Hauptattraktionen sind die Retrospektive zu Joseph Beuys  in der Kunstsammlung am Grabbeplatz und eine opulente Werkschau zum Videopionier Nam June Paik im museum kunst palast (siehe Artikel unten).

18 Jahre nach der Ausstellung „Joseph Beuys – Natur, Materie, Form“ widmet die Kunstsammlung dem großen Schamanen (1921–1986) wieder eine Ausstellung mit dem Titel „Parallelprozesse“. Fast 300 Werke sind zu sehen, und doch wirkt die Präsentation nicht überladen. Der ganze Beuys ist zu sehen, von Zeichnungen aus den 1940er Jahren bis zu späten Werken. Wunderbar entfalten sich die Hauptlinien eines Werkes. Schon 1947 entsteht das Objekt „Bienenkönigin“, eine Art Relief aus Wachs auf Holz mit einem Frauentorso aus Keramik. 1958 zeichnet er eine „Bienenkönigin“. 1977 installiert er auf der documenta 6 in Kassel die „Honigpumpe am Arbeitsplatz“. Selbst, wenn er es zwischendurch ruhen ließ: Beuys blieb seinen Themen treu. Wie früh schon zeichnete er Hasen, ehe er in einer berühmten Performance 1965 in der Düsseldorfer Galerie Schmela dem toten Hasen die Bilder erklärt.

Energie, Strahlung, Verwandlung und stofflicher Zauber, das entdeckt man immer wieder in seinem Werk. Der Filz und das Fett, die sprichwörtlich wurden für seine Arbeit, müssen ergänzt werden durch das leitfähige Metall Kupfer. Viele Arbeiten sind spirituelle Batterien, Speicher für den Strom der Fantasie. So sieht man die „Stripes from the House of the Shaman 1964-72“ (1980) erstmals in Europa. Lange, schmale Filzbahnen fallen von der Wand als lange, parallele Linien auf den Betrachter zu. An der Wand hängen Anzüge, Kupferrohr liegt in einer Filzhülle, vorn zwei Häufchen Farbpigmente, gelb und rot.

Vieles ist autobiografisch unterfüttert, etwa die „Straßenbahnhaltestelle“, die er 1977 für die Biennale von Venedig schuf und die Erinnerungen an seine Schulzeit in Kleve fixiert. Natürlich hat man den politischen Beuys, der mit dem Konzept der sozialen Plastik die Gesellschaft verändern will. Zum Beispiel sieht man Wandtafeln, auf denen er mit Diagrammen theoretische Konzepte entwickelte.

Andererseits verblüfft, in welchem Maß der Künstler in seinem Werk Motive der christlichen Ikonografie verfolgt. Von seinem Lehrer Ewald Mataré mag – neben der Tierthematik – die Auseinandersetzung mit dem Kreuz angeregt sein. Den Korpus Christi montiert er 1947/48 zum „Sonnenkreuz“. Er halbiert schafft 1965 ein „halbiertes Filzkreuz mit Staubbild ‚Magda‘“. Die eindringliche Installation „Zeige deine Wunde“ (1974/75) verweist auf Tod und Vergänglichkeit, indem er Leichenbahren aus der Pathologie prominent platziert. Eine Vitrine inszeniert er wie ein modernes Heiligenbild: „Kopf Brust Unterleib der Magd Joseph Beuys“ (1964). Die Reihe aus medizinflasche, runder Scheibe und Seifenstück wird flankiert von Tüchern, die zum Teil Instrumente umhüllen.

Aus einem Haufen mehr oder weniger trivialer Materialien montiert er ein „Hasengrab“ (1962-67). Auch seine glanzvolle Installation „Palazzo Regale“ mit den goldenen Wandtafeln und den Vitrinen erinnern an die prunkvollen Gräber alter Kulturen. Und eine der letzten Arbeiten ist gleich am Eingang der Schau zu sehen: Ein Kreuz, geformt aus zwei Rosenzweigen (1985-86). Und wie sinnfällig machen die Dornen das Thema dieses Objekts.

Man findet bekannte Stücke, die schon vor Jahrzehnten provozierten, wie die berühmte Emaillebadewanne mit den Pflastern (1960). Und wer wirklich hinschaut, bemerkt, wie sehr Beuys dabei dem Objekt menschliche Züge verleiht, indem er unterstellt, es könne verletzt worden sein. Oder das wunderbare „Rudel“ (1969) von Schlitten mit Filzdecken und Stabampen, das aus einem VW-Bus ins Freie zu drängen scheint.

Man sieht auch Filme von Aktionen wie „I love America and America likes me“ (1974), und wer weiß schon noch, dass vor den Szenen aus dem Käfig, den Beuys mit dem Koyoten teilt, eine rasante Fahrt im Krankenwagen durch New York gezeigt wird. Da wird mit dem Stadtraum Soziales greifbar.

Und immer noch offenbart der Künstler unvertraute Seiten. Da bastelt er 1962/63 eine „Musikbox“ aus Karton und Wellpappe, in die er eine bemalte Schallplatte steckt. Als „Mammut“ legt er 1960 einen Stoffelefanten in einen Faltstuhl. Und wenn wir die Treppe aufsteigen zum zweiten Ausstellungsteil, dann begleitet uns seine Stimme: „Ja, ja, ja, ja, ja. Nee, nee, nee, nee, nee.“ Immer wieder. Und dann muss er selbst über den dadaistischen Quatsch lachen. Er war nicht nur der strenge Kunstpriester. Der Mann hatte auch richtig Humor.

Zehn Museen zeigen moderne Kunst, fünf Institute sind angeschlossen, 33 Galerien präsentieren sich. Düsseldorf tritt mit der zweiten Quadriennale r als Kunsthauptstadt auf. www. quadriennale-duesseldorf.de

Glanzvoll ist die Beuys-Retrospektive Parallelprozesse in der Kunstsammlung NRW K20 .

11.9.– 16.1.2011, di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 204,

http://www.kunstsammlung.de

Katalog, Verlag Schirmer/Moselm München, 49,90 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare