Große Ausstellung zum Symbolismus in Brüssel

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Die Macht des Sexus: Félicien Rops zeichnete die „Versuchung des Heiligen Antonius“ 1878.

Von Ralf Stiftel ▪ BRÜSSEL–Entsetzt wendet sich der Heilige ab: Eine dralle Schönheit hat Christus vom Kreuz gestoßen. Der ausgemergelte Gekreuzigte fällt kraftlos nach hinten. Ein Teufel streckt die Zunge heraus. Die Putti tragen Totenköpfe. Felicien Rops hat in seiner Version der „Versuchung des Heiligen Antonius“ (1878) nicht den Asketen zum Helden erkoren, sondern die Nackte, die stolz auf ihn blickt. Der belgische Zeichner illustriert die Legende durchaus texttreu. Aber er spitzt sie zur Provokation zu.

Das Bild ist in den Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique in Brüssel zu sehen, in der Ausstellung „Le symbolisme en Belgique“. Es ist die erste einschlägige Übersicht, basierend auf einer Studie des Museumsleiters und Kurators Michel Draguet. Er hat eine opulente Schau komponiert mit rund 200 Exponaten. Er will belegen, dass der Symbolismus, die letzte große Kunstrichtung des 19. Jahrhunderts, eben keine rückwärtsgewandte Spätblüte der Romantik war, sondern bereits vorauswies auf die Avantgarde von Expressionismus und Abstraktion.

Geboren wurde der Symbolismus, so Draguet, aus der großen Sinnkrise der Epoche. Die alten Werte wurden durch die moderne Wissenschaft erschüttert, Darwin und Freud stehen für ein materialistisches Weltbild. Der Kunsthistoriker deutet den Symbolismus als antimoderne Gegenbewegung, die den für Belgien so bedeutsamen katholischen Glauben neu beflügeln sollte. Diesen tief restaurativen Impuls spürt man sofort, wenn man Léon Frederics Triptychon der Heiligen Dreifaltigkeit (1892) betrachtet: Gottvater in Wallewogen aus weißem Stoff, die sich aus der Nähe als gerettete Seelen entpuppen. Zwei Kinder, die die vera icon tragen, das wahre Bild des Gekreuzigten auf einem Schweißtuch. Dann ein weiblicher Engel mit der Taube über dem Kopf, der die satanische Schlange zertritt. Der Paradiesapfel liegt angebissen herum. Jedes Detail trägt Bedeutung – und doch steht der Betrachter erschüttert vor dem frommen Kitsch. Von da ist es nicht weit zu seltsamen Darstellungen esoterischen Charakters wie Jean Delvilles „Engel des Lichts“ (1894). Mit solcher Überhöhung wollte man die alten Werte in die Moderne retten. Das musste scheitern, aber auf dem Wege dahin entdeckten die Künstler zeitgemäße Ausdrucksmittel.

Fernand Khnopff (1858– 1921) zum Beispiel, der Erzsymbolist, schuf rätselvolle Kompositionen, die auf den Surrealismus vorausweisen. Brüssel zeigt eins seiner bekanntesten Werke, die „Liebkosungen“ (1896), bei der die Sphinx als Raubkatze ihren verführerisch schönen Frauenkopf an das Haupt des Ödipus schmiegt. Der Maler, der als Lehrer an der Königlichen Akademie Kubismus und Futurismus als „entartete Kunst“ schmähte, nutzte schon 1883 ein Foto anstelle von Skizzen für sein Stimmungsgemälde „Beim Hören der Musik Schumanns“. Das „rosa Haus“ (1892) von William Degouve de Nuncques, das unnatürlich farbenfroh ins Nachtschwarz strahlt, lässt an Magritte denken. Auch Constant Montalds vordergründig so harmlos-fröhliches Bild „Das Nestchen“ (1893) entpuppt sich als abgründig: Spitzt die junge Frau, die das Nest mit den drei piepsenden Küken mit der Hand hält, den Mund nur für einen Kuss oder wird sie gleich zum Raubtier wie die Hauptdarstellerin in einem bekannten Gemälde Magrittes? Eindeutigkeit ist das letzte, was man erwarten darf.

Diese Brüche machen die Schau spannend. Wie kam es, dass viele Geistliche die Werke von Rops schätzten, jenes Meisters übersexualisierter und oft böse antikirchlicher Zeichnungen? Die Frau erschien als Bedrohung und wurde doch auffällig oft dargestellt, mit unterschwelliger Erotik, oft von der romantisierenden Schönheit der Prä-Raffaeliten. Die Symbolisten machten sich an die Erkundung menschlicher Abgründe. Man sehe nur die mit Depressivität durchtränkten Selbstporträts von Léon Spilliaert.

Der Symbolismus in Belgienin den Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel. Bis 27.6., di - so 10 - 17 Uhr, Tel. 0032/2/508 32 11,

http://www.expo-symbolisme.be

Katalog (frz./nl.) 49,95 Euro

Allgemeine Info:

Belgien-Tourismus, Köln,

Tel. 0221/ 277 590,

http://www.belgien-tourismus.de

Quelle: wa.de

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