Gronau stellt „Luthers musikalische Erben“ im rock'n'popmuseum aus

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Martin Luther ist in einem Holzschnitt-Porträt zu sehen. Sein Konterfei prangt auf dem ersten Gesangbuch, das 1722 die lutherischen Gemeinden der Grafschaft Mark gemeinsam herausbrachten. Hier ist eine Ausgabe von „Kern und Marck Geistlicher Lieder“ aus Soest von 1754 zu sehen. Auf der Illustration wird Luther, der Preußenadler, der märkische Schachbalken von der Hand Gottes an einer Kette zusammengehalten.

Gronau - Wenn alle singen, ist es evangelisch. Wo nur einer singt, vorn am Altar, auf Latein und allein, herrscht noch die katholische Kirche. Am Kirchenlied scheiden sich die Konfessionen, zumindest in den Anfangsjahren der Reformation. Der Gemeindegesang ist Teilhabe an der Liturgie und deshalb schon an sich ein protestantisches Bekenntnis. Erst recht, wenn echte Luther-Zeilen geschmettert werden: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein feste Wehr und Waffen...“

Eine Ausstellung, die zum 500. Reformationsjubiläum dem „Klang der Frömmigkeit“ nachhorcht, kommt an diesem Choral nicht vorbei, den der Reformator persönlich irgendwann vor 1529 komponierte und textete. Doch Silke Eilers interessiert sich vor allem für „Luthers musikalische Erben in Westfalen“. Einige stellt die Kuratorin im Gronauer rock’n’pop-Museum vor: Die Herforder Stiftsdame Anna von Quernheim mit ihren mittelniederdeutschen Andachtsliedern (vor 1520–1590), den Unnaer Pfarrer Philipp Nicolai (1556–1608, „Wie schön leuchtet der Morgenstern“), die Pfarrersfrau Marie Schmalenbach aus dem ostwestfälischen Löhne (1835–1924, „Brich herein, süßer Schein“) oder den Sacro-Pop-Komponisten Peter „Piet“ Janssens (1934–1998, „Eines Tages kam einer“) aus Telgte, der seit 1973 auf allen evangelischen Kirchentagen spielte (und Katholik war).

Die Ausstellung – eine Kooperation des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe mit dem rock’n’pop-Museum – ist ansehnlich und lehrreich. Vor allem aber bringt sie den „Klang der Frömmigkeit“ ins Ohr: An vielen Kopfhörer-Stationen lassen sich Dutzende Kirchenlieder aus dem Evangelischen Gesangbuch anwählen, vorzugsweise von Komponisten und Textern mit westfälischem Bezug wie das Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“, das aus Gütersloh stammt, oder den Dauerbrenner „Danke für diesen gute Morgen“.

Dieser Titel, 1962 veröffentlicht, befördert die Bewegung des „Neuen Geistlichen Lieds“ (NGL). Um die gleiche Zeit macht das „Halleluja“ aus Taizé Karriere, treten christliche Liedermacher wie Bodo Flach und Siegfried Fietz auf, wird Gospelmusik adaptiert („Komm, sag es allen weiter“), die sich seit den 1920er Jahren in afroamerikanischen Gemeinden entwickelt hat. Sacro-Pop ist eine andere neue Richtung in der Kirchenmusik; Peter Janssens tourt mit Musicals wie „Menschensohn“ oder „Ave Eva oder Der Fall Maria“, dessen Aufführung die katholischen Bischöfe in ihren Kirchen 1973 verbieten. Auch in der evangelischen Kirche haben die neuen Töne Feinde, gehören aber seit den frühen 1970ern zum Standardprogramm der Kirchentage, inzwischen auch zur Ausbildung von Kirchenmusikern. Für die Ausstellungen wurden Interviews mit Zeitzeugen gefilmt.

Anstößig ist der „Klang der Frömmigkeit“ vor allem in den ersten Jahren der Reformation, als er erst einmal auch der Selbstvergewisserung dient: Wer im Gottesdienst deutsche Lieder singt, die zunächst in Einzelblättern vervielfältigt und verbreitet werden, grenzt sich gegen den alten Glauben ab – Katholiken tun das höchstens bei einer Prozession. An einem interaktiven Kartentisch lässt sich in der Ausstellung das konfessionell zerklüftete Westfalen erkunden, wo die Reformation erst relativ spät Fuß fasst und eher in gebildeten Kreisen. Reformationshochburgen sind Unna, Soest oder Dortmund. Einzelne Territorien oder Städte geben im 18. Jahrhundert auch eigene Gesangbücher heraus, einige dieser Prestigeobjekte werden hinter Glas präsentiert, aus Lippstadt 1738, aus der Grafschaft Mark/Soest 1754 und Dortmund 1778. Viele dieser Kostbarkeiten stammen aus der Sammlung des Mendener Pfarrers Wilhelm Gröne, der auch frühe Exemplare aus Leipzig (1540) und Nürnberg (um 1575) hergeliehen hat.

Aus dem Soester Stadtarchiv kommt ein anderer Schatz: Philipp Nicolais „Frewden Spiegel deß ewgen Lebens“, und zwar die Originalausgabe des „Freuden-Spiegels“ aus dem Jahr 1596, versehen mit einem Widmungsschreiben. Gerade erst hatte die Pest in Unna gewütet, ein Drittel der Einwohner war an der Seuche gestorben, und der Theologe verfasste ein Trost- und Erbauungsbuch mit vielen Kirchenliedern, auch eigenen wie dem „Morgenstern“-Choral oder „Wachet auf, ruft uns die Stimme“.

In anderen Vitrinen liegen Instrumente aus, Notenschriften, Schallplatten, Gewänder und eine Fahne: Der Evangelische Arbeiter- und Bürgerverein Gladbeck ließ sich zur Gründung 1912 auf dunkelroten Samt Eichenblätter sticken, einen stattlichen Martin Luther und dessen Zeile „Ein feste Burg ist unser Gott“. Die ältesten der rund 80 Exponate sind zwei Schalltöpfe aus der ehemaligen Stiftskirche St. Walburga in Meschede. Rund 130 solcher Tonblasen wurden um das Jahr 900 in Decke und Wände eingemauert, um die Raumakustik zu verbessern.

Die Reformation formte in Westfalen eine „Klanglandschaft“, so Eilers. In Soest bürgert sich ab etwa 1690 das „Soester Gloria“ an Heiligabend ein, vom Turm der St.-Petri-Kirche geblasen und gesungen. In Bielefeld und Herford ziehen Kinder zum „Luther-Singen“ am 10. November durch die Nachbarschaft und sammeln Süßigkeiten. Im 19. Jahrhundert entstehen im Zuge der Erweckungsbewegung mit ihren Freiluftgottesdiensten vielerorts Posaunenchöre. Daneben beherbergt Westfalen bedeutende Orgeln, etwa in Kierspe-Rönsahl oder gotische Instrument in Ostönnen aus den 1430er Jahren. Dabei wurde ihr mächtiger Klang von einigen Reformatoren wie Calvin und Zwingli nicht gern gehört, und mancherorts gingen Bilderstürmer auch auf Orgeln los.

Das eigentliche musikalische Muster der Reformation bleibt jedoch das deutschsprachige Kirchenlied; es dürfte ein Geheimnis ihres Erfolgs an der Basis gewesen sein. Daran kommt wenig später die Gegenreformation nicht vorbei: Aus dem Jahr 1609 stammt das älteste überlieferte katholische westfälische Gesangbuch, gedruckt in Paderborn, und voll mit deutschen Kirchenliedern.

Die Schau

Eine ansehnliche und lehrreiche Schau religiöser Kulturgeschichte in Westfalen.

Klang der Frömmigkeit. Luthers musikalische Erben in Westfalen, zu sehem im rock’n’popmuseum Gronau.

Bis 26. Februar, mi-so 10 bis 18 Uhr; Begleitband 16,90 Euro; www.rock-popmuseum.com.

Die Schau tourt durch Westfalen:

5.3.-30.4. Historisches Museum Bielefeld

7.5.-2.7. Museum der Stadt Gladbeck

8.7.-3.9. Daniel-Pöppelmann-Haus, Herford

10.9.-5.11.Museen der Stadt Gescher

12.11.-14.1.2018 Museum Haus Kupferhammer, Warstein

20.1.-18.3. 2018 Museum Hexenbürgermeisterhaus, Lemgo

25.3.-20.5. 2018 Museum Wilhelm Morgner, Soest

Quelle: wa.de

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