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Theater Dortmund zeigt Sibylle Bergs „GRM.Brainfuck“

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Von: Achim Lettmann

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Einen wilden Ritt auf dem Hirschen zeigt Nina Karimy (vorne). Es singen Lola Fuchs (links) und Sarah Quarshie (rechts).
Einen wilden Ritt auf dem Hirschen zeigt Nina Karimy (vorne). Es singen Lola Fuchs (links) und Sarah Quarshie (rechts). An den Drums spielt Christoph Helm in der Dortmunder Theaterproduktion „GRM.Brainfuck“. © Birgit Hupfeld Rottstr.5 44793 B

Sibylle Berg hat eine Bühnenfassung von ihrem Buch „GRM.Brainfuck“ geschrieben. In Dortmund wird die satirische Gesellschaftsanklage mit viel Musik als ruppige Show geboten.

Dortmund – Im Dortmunder Theater wird viel berichtet: Peter ist mit seiner Mutter aus Polen nach England gekommen. Als sie mit einem Villenbesitzer abhaut, bleibt der Junge zurück – keine Schule, kein Zuhause. Karen ist traumatisiert. Ihr erster Liebhaber hat sie seinen Freunden zugeführt: Missbrauch. Wie lebt frau danach weiter? Don ist queer, keine Lehrstelle, keine Sozialhilfe. Er existiert für Grime-Musik. Und für Hannah aus Liverpool findet ohne Mutter, die Zufallsopfer einer Schießerei wurde, das Leben nicht mehr statt. Ihr Vater verübte einen Suizid in der Dusche, um seinem Schicksal zu entkommen. Hannah muss wie alle anderen klarkommen. Diese Vier sind der personalisierte Kern in Sibylle Bergs satirischer Gesellschaftsanklage „GRM.Brainfuck“. Welcher Platz wird dem Individuum im neoliberalen Kapitalismus zugewiesen?

Das Buch erschien 2019. Am Theater Dortmund ist erstmals die Bühnenfassung zu sehen, die Regisseur Dennis Duszczak mit coolen Ansagen, feisten Posen und fetten Beats in Stellung bringt. „Wir ordnen den Scheiß jetzt neu“, heißt es nach einer düsteren Bestandsaufnahme in Rochdale. Die postindustrielle Stadtruine bei Manchester setzt Thilo Ullrich (Bühne) mit Dortmund gleich. Betonoptik und „U“-Turm stehen für urbane Notlagen. Ein antiker Säulenstumpf und Baureste daneben wirken wie Grabbeigaben statt Architektursymbole demokratischer Staaten.

Die Schweizer Autorin, die 14 Bücher und 25 Theaterstücke geschrieben hat, geißelt wütend die Selbstzerstörung der freien Gesellschaften. Dass die britische Regierung unlängst versucht hat, den Spitzensteuersatz für Superreiche zu senken, unterstreicht, wie treffend Sibylle Bergs bitterer Zynismus in der Realität widerhallt. Dass sie in „GRM.Brainfuck“ eine Dystopie bis zum Überwachungsstaat ausgestaltet hat, ist ihrer Analyse geschuldet und nicht bösen Fantasien. Schon heute kontrolliert China mit digitaler Technik, was das Milliardenvolk machen darf. Ein Horror. Aber auch bald im Westen, meint Berg.

In „GRM.Brainfuck“ stehen auf der Gegenseite ein Rechtspopulist, der Premierminister werden will, und sein vernachlässigter Sohn Thome. Statt Demokratie soll eine Technokratie her, die mit einem Grundeinkommen nur sozial tut und gleichzeitig seine Bürger chippt, also Kontrollimplantate unter die Haut platziert. Peter, Karen, Hannah und Don gehen in den Untergrund. In London formieren sie sich mit Hackern und Programmierern, um ihre Todesliste abzuarbeiten. Peters Mutter steht auch drauf. Der Endzeitkampf beginnt.

Ein Thriller wird das in Dortmund aber nicht. Sibylle Berg hat aus den vier Rebellen in ihrer Bühnenfassung keine Figuren entwickelt. So ist ihr Text auch Prosa geblieben. Seit Elfriede Jelinek gilt das als bühnentauglich und wird mit „Textfläche“ bezeichnet. Der Zusatz „das sogenannte Musical“ ist missverständlich. Weder Handlung noch Figuren werden über Songtexte charakterisiert und entwickelt. Es gibt situative Musikintros, also Popsongs (von „Police“) und Liedgut (Schuberts „Winterreise“), aber vor allem dominiert Grime den Soundtrack. Der Begriff meint auch „Schmutz“ und „Dreck“. Tiefe Basslinien, E-Drums und Snares rauschen durchs Theaterhaus. Die Musik von Lutz Spira spielen Malte Viebahn, Christoph Helm und Emilia Golos auf der Bühne. Das junge Premierenpublikum ging vor allem auf Lady Leshurr ab („Where are you now?“). Und Regisseur Duszczak übertrug die druckvolle Diesseitsbewertung des Grime auf die spöttische Haltung seiner sechs Darstellerinnen und Darsteller. Neben der Clip-Ästhetik aus der Musikbranche bot das Ensemble engagierte Textmoderationen, kurze Spielszenen und abwechselnd performte Buchprosa. Lola Fuchs, Christopher Heisler, Sarah Quarshie, Linus Ebner, Mervan Ürkmez und Nina Karimy rauten Bergs „Textfläche“ und ihre Systemkritik mit viel Hingabe und vollem Körpereinsatz auf. Wie Nina Karimy im schwarzen Body Thomes machtgeilen Vater (Linus Ebner), der ein glitzerndes Hirschgeweih trug, mal so richtig rangenommen hat, das hatte Ekelpotenzial. Eine Sexarbeiterin in Ekstase – mit Fuß lutschen. Das Publikum johlte laut – wie beim Wrestling, wo das Gute gewinnen darf.

Das Schauspielteam war in Jackets, Chinos, Kostümjäckchen und Schlaghosen ganz schick unterwegs (Kostüme Frederike Marsha Coors). Ein Gefühl für die Berg-Figuren im Endzeitkampf kam aber nicht auf. Wie aus Sozialopfern letztlich Täter werden, die ihre Todesliste gnadenlos abarbeiten, bleibt Erzählung.

Tobias Hoefts Realtime-Video bläht das Spiel des Ensembles zu großen Bildern auf. Dringlichkeit wird vorgeführt, mit städtischer Sozialarbeit abgerechnet, aber richtig berühren kann das Spiel in Dortmund nicht. Der eindrückliche Gesprächsmoment vor dem Vorhang bleibt zu wenig. „GRM.Brainfuck“ ist vor allem Show.

Das Publikum war großenteils begeistert. Es gab viel Applaus für die Premiere.

26.10.; 12., 19.11.; 21.1. 2023; Tel. 0231/5027 222; www.theaterdo.de

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