Grigory Sokolov begeistert im Konzerthaus Dortmund

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Grigory Sokolov ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Grigory Sokolov spielt immer nur ein Programm. Eine Abfolge ausgewählter Werke präsentiert er. Ist er mit der Tournee fertig, kehrt er nach St. Petersburg zurück und vertieft sich in ein neues Programm. Veränderlich sind in Sokolovs Saison-Programmen höchstens die Anzahl und Reihenfolge der Zugaben, oft nicht einmal diese. Sechs sind es in Dortmund, eine atemberaubender als die nächste. Am Samstag spielte Sokolov im Dortmunder Konzerthaus.

In dieser Saison koppelt er Bachs Italienisches Konzert mit der „Ouvertüre nach französischer Art” und lässt im zweiten Teil die Humoreske und die „Vier Stücke” opus 32 von Robert Schumann folgen. Es war Schumann, der, mit Felix Mendelssohn-Bartholdy, den nach seinem Tod vergessenen Meister wiederentdeckte. Schumann hat sich mit Bachs Kontrapunktik auseinander gesetzt. Es ist reizvoll und verdienstreich, diesen Spuren zu folgen. Bei Sokolov wird daraus mehr als eine Spurensuche. Er, dem Exzentrik fern ist, reißt Strukturen auf, nicht um des Zerstörens oder Umdeutens willen, sondern um offenzulegen.

Sokolov beginnt das Italienische Konzert kraftvoll, lässt die feinen, starken Linien der Fuge gegeneinander schwingen. Der zweite Satz lässt tiefer aufhorchen. Sokolov findet einen Puls, gleichmäßig und unerbittlich wie die Zeit selbst und führt das Andante hin zum letzten, eigentümlich verschatteten Ton, an den sich das prachtvolle, geschmeidige Presto anschließt. Sein Spiel hat, was es immer auszeichnet: eine Evidenz, eine Qualität, die sich aus tiefer Studie ergibt. Für Sokolov ergibt sich eins aus dem anderen. Den Applaus nimmt er kurz hin, am liebsten hätte er wohl unterbrechungslos durchgespielt.

Bei der „Ouvertüre nach französischer Art“ durchmisst Sokolov die Weiten dieses ersten Satzes und findet in jeder Wendung kostbare Details, bis in die Akkorde hinein, in denen für Momente ein Cembalo hörbar zu werden scheint. Alles ist weit gefasst, aber im Gleichmaß. Dann beginnt Sokolov, die Struktur der elf Sätze auf den Prüfstand zu stellen. Aus dem Fluss der Fugen beginnen Klippen aufzuragen, die Fugen reiben sich, aus dem Fließen wird ein Aufspritzen, beinahe ein Brechen. Sokolov kontrastiert den zeremoniellen Charakter der ersten Sätze mit der Verspieltheit, die Bach in die Tanzsätze einfließen ließ, betrachtet die Figuren von allen Seiten, spiegelt sie und fügt sie zum Fluss zusammen. Die Fugen gurgeln und sprudeln; Sokolov tupft ein Thema hin, wiederholt es als Choral; verschattet es, um es ans Licht zu holen. Das Spiel der Formen erreicht einen kaum überbietbaren Punkt, aber Sokolov ist mit der „Ouvertüre” noch nicht fertig: Er unterwirft das gesamte Konstrukt einem Belastungstest und kommt, ganz am Ende, zurück an den Anfang. Der Anfangsentwurf ertönt noch einmal, wie erneuert. Alles ist wieder zusammengesetzt.

Wenn die „Französische Overtüre” der Suche nach dem Chaos in der Struktur dient, so ist die Humoreske von Schumann unter Sokolovs Händen die Suche nach Struktur im jähen Wechsel der Gefühlsregungen. „In einem Wechsel gelacht und geweint” habe er, schrieb Schumann seiner Frau Clara über die Kompositionsarbeit. Sokolov steigert die Humoreske durch all das Jubel, Stürmen und Drängen hindurch zu einer leuchtenden Apotheose, in der alles nachklingt und die doch alles verwandelt.

Davon klingt noch viel in den „Vier Stücken” nach, die er als absolute Verbindung von Form und Gefühl spielt. Kaum ist der letzte Ton ausgeklungen – langsam verhallend – steht Sokolov schon, kaum verbeugt er sich, da geht er schon ab. Die minutenlangen stehenden Ovationen finden größtenteils vor einer leeren Bühne statt.

Quelle: wa.de

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