Gregory Porter im Konzerthaus Dortmund

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Mit Stimme und Herz: Gregory Porter (mit Emanuel Harrold, Drums, und Yosuke Satoh, Sax) in Dortmund.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - „I need your handclaps“, fordert der große Mann im weißen Sakko. Das genügt. Das ganze Konzerthaus Dortmund liefert ihm den flinken Groove, über dem er die fließende Energie besingt, Titelsong seiner aktuellen CD „Liquid Spirit“ (Blue Note). Wenn es einen Souljazz-Sänger der Stunde gibt, dann ihn, Gregory Porter, den Vollbärtigen mit der Ballonmütze über dem Kopftuch.

Das hat Lizz Wright wohl schon mehrmals erlebt auf der gemeinsamen Tour mit dem charismatischen Star aus New York. Sie fand durchaus zum Publikum mit ihrem grenzgängerischen Programm zwischen Neil Young („Old Man“), Chick Corea („Open Your Eyes, You Can Fly“) und Eigenkompositionen, unterstützt von einem gitarrebetonten Quartett. Und sie hat eine bemerkenswerte Stimme, die sich besonders in der Zugabe „Amazing Grace“ zu voller Gospelpracht entfaltete.

Aber wer dachte noch daran, als Porter auf die Bühne kam? Der Mann am Mischpult, der einen schlechten Tag erwischt hatte, suchte noch nach den richtigen Einstellungen, spielte gar nach dem ersten Song etwas Konservenmusik ein. Aber Porter war da, vom ersten Ton an. Einen so vollendeten Sänger gab es lange nicht. Er zeigt später noch, dass er die hohe Schule des Vocalese beherrscht, trägt virtuose, textlose Scat-Soli vor, bei denen seine Stimme zum Instrument wird. Er beherrscht extreme Intervalle, schwierige Harmonien. Und er kann seinen warmen, mächtigen Bariton modulieren. In „Hey Laura“, einer der schönsten Liebesballaden des letzten Jahrzehnts, schmeichelt er seine Entschuldigung ins Ohr, dass er sie noch so spät wecken musste. In „1960 What“ von seinem Debüt-Album „Water“ (Motema) dagegen erinnert er mit schmeidender Wut an die Rassenunruhen in Detroit. Bei „No Love Dying“, wo er das Publikum mit wenig Erfolg zum Mitsingen auffordert, da beweist er seine Qualitäten als eindringlicher Gospelprediger. Als erste Zugabe singt er Nat King Coles Hit „Mona Lisa“, a capella, und man staunt über dieses Timing.

Aber Porter ist nicht einfach ein Virtuose. Er singt sonst an diesem Abend seine eigenen Lieder, und die haben es in sich. Porter hat etwas zu sagen, nicht nur in seinen so engagierten wie eingängigen Polit-Songs. Schon sein Eröffnungsstück „Painted On Canvass“ ist pure Poesie über die Unschuld, die auf Leinwand gemalt ist. „Be Good“ ist zugleich eine moralische Aufforderung wie ein Lied über den Löwen, den die Liebe zähmt. Es braucht schon einen wie Porter, um solche Songs kitschfrei über die Bühne zu bringen. Ihm gelingen dabei Zeilen von der Schlichtheit und Schönheit von Haikus. Und er singt sie mit einer Inbrunst, die an Herzen rührt.

Dabei wirkt er unverstellt wie ein Kind. „Dankescheen“ sagt er in den Jubel, in ungelenkem Deutsch. Wenn er zum Klatschen auffordert, macht er das ohne Anbiederung. Mit seiner famosen Band spielt der 42-Jährige seit Jahren zusammen, und man merkt das traumwandlerische Verständnis unter ihnen. Chip Crawford (Piano), Aaron James (Bass), Emanuel Harrold (Schlagzeug) und Yosuke Satoh (Saxophon) klingen einfach groß wie ein Orchester, egal was der Soundtechniker macht, und sie grooven hinter Porter wie die Hölle. Und was der stoische Satoh an Soli hinlegt, steht dem Chef kaum nach.

Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus wickelt er um den Finger. Ein magischer Abend. Nicht wegen der Show, nicht wegen irgendwelcher Tricks. Sondern wegen dieser großen Stimme.

25.11. Tonhalle Düsseldorf,

Tel. 0211 / 89 96 123,

www.tonhalle.de

Quelle: wa.de

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