Gregor Zölligs „Methusalem“ in Bielefeld

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Energiegeladen starten die Tänzer in Bielefeld in Gregor Zölligs Choreografie „Methusalem“.

Von Heidi Wiese -  Bielefeld Die Drehbühne bewegt sich unaufhörlich, und zunächst schreiten die neun Tänzerinnen und Tänzer energiegeladen mit. Am Ende werden sie völlig schlaff über ihren Sesseln hängen und kaum noch wahrnehmen, dass auch die Bühne zum Stillstand gekommen ist. Zur Entwicklung des Menschen auf ein quälend langes und mühsames Altern zu erfand Gregor Zöllig für sein Tanzstück „Methusalem“ zahlreiche beeindruckende Metaphern.

In der Form beeindruckt die Visualisierung von Altersprozessen in besonderem Maße, da sie gegen den Strich von jugendfrischen und leistungsstarken Menschen verkörpert wird.

Für höchst unterschiedliche Stimmungen sorgt Musik von den kubanischen Rythmen des Buena Vista Social Club über französische Kinderlieder, gesungen von der greisen Louise Bourgeois bis hin zu „That’s Life“ von Frank Sinatra. Mit „Methusalem“ verabschiedet sich der 50-jährige Gregor Zöllig nach zehn Jahren als Leiter des Tanztheaters Bielefeld. Er wechselt an das Staatstheater Braunschweig. Zölligs Nachfolge übernimmt Simone Sandroni. Für die Uraufführung gab es herzlichen Beifall und Standing Ovations.

Wie im Hamsterrad des Lebens (Bühne: Annette Breuer) versuchen die Individuen immer wieder, der Zwangsläufigkeit zu entgehen, laufen gegen die Drehung an, treten hinaus, bekämpfen die Schwerkraft. Zu den virtuosen Figuren des glücklichen Verweilens, des hoffnungsvollen Aufbrechens und verzweifelten Sich-Wehrens stellt Zöllig auch vieldeutige visuelle Effekte mit Requisiten und Kleidungsstücken und kurze, allgemeinverständliche Sprechszenen. So drehen sich eine Weile auch Schaukästen mit Milch und mit der Tänzerin Hyunjin Lim in Embryonenhaltung. Zurück zu den Wurzeln, den ewigen Kreislauf verweigern? Pauline de Laet trägt in einer anderen Szene Erinnerungsfotos, die überall am Körper kleben und sich nicht abschütteln lassen. Die ersten grauen Haare zupft der Partner noch liebevoll aus, schnell werden es mehr.

Die hübsch ausgesuchten Sessel aus verschiedenen Epochen vermehren sich allmählich, am Ende be„sitzt“ jeder den seinen als einsames, geschrumpftes Universum, von dem er nicht mehr loskommt. Solche Szenen der „Vermöbelung“, wie Gregor Zöllig es nennt, gelingen besonders einprägsam: Ein „Alter“ versucht noch, dem zugewiesenen Platz auszuweichen, kommt dabei aber nicht weiter. Später verschmelzen sie alle ohne individuelle Regungen mit den Sesseln, kleben fest und können sich nur noch mit kleinen hilflosen Schritten samt ihrer Last fortbewegen.

Auch die Kostüme (Imme Kachel) prägen die Altersprozesse: Im Abendkleid gelingt noch das geschmeidige Umwerben, Kinderkleider verschleiern das wahre Alter. Aber im formlosen Kittel versteckt sich eine herumtappende Frau auch hinter ihren Haaren und Händen. Wenn die Tänzer selbst in einer Reihe ihre Jahrgänge abfragen, wird schon 1980 zu einer beunruhigenden Obergrenze. Immer wieder ruft einer zum großen Aufbruch auf, alle stehen erwartungsvoll da, aber nichts passiert.

„Methusalem“ bewegt die Zuschauer nicht nur mit der formvollendeten Ästhetik des Tanztheaters, sondern auch mit den großen Lebensfragen. Die reglose Sesselreihe am Ende mag als Ausblick schmerzhaft sein, aber vielleicht bleibt eher das Bild eines Paares im Gedächtnis, das sich gemeinsam in einen Sessel kuschelt.

25., 28.4., 10., 20., 21.5., 12., 20., 27.6.,; Tel. 0521 / 515 454; www.theater-bielefeld.de

Quelle: wa.de

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