Gregor Turecek aktualisiert Fontanes Roman „Effi Briest“ für die Bühne

Schöne Braut: Eva Dorlass, Christoph Rinke und Valentin Schroeteler (hinten) in „Effi Briest“ in Münster. Foto: Berg

Münster – Dass wir diese Geschichte noch immer nicht los sind: Junges Mädchen heiratet mächtigen Mann. Es geht schief. Das Mädchen trägt die Konsequenzen. Am Theater Münster ist „Effi Briest“ nach dem Roman von Theodor Fontane zu sehen, eine Version, die das Standesdenken und den sozialen Ehrgeiz aus der Vorlage ins Heute übersetzt.

Regisseur Gregor Turecek nutzt als modernes Äquivalent die Bilderflut der Generation Instagram. Bei ihm tummeln sich Poser, Mädchen mit Schmollmund, und Instetten gibt in seiner Wahl-Kampagne einer Bloggerin ein Video-Interview. Dabei wird überwiegend in der Sprache des Romans gesprochen, ein Bruch, der gut funktioniert, weil er zeigt, wie unwirklich alles ist. Effi kapiert bis kurz vor Schluss nicht wirklich, wie ihr geschieht, weil sie gerne glauben will, dass sie Glück verdient.

Eva Dorlass in der Titelrolle ist der Mittelpunkt der poppigbunten Bilder, sie zieht alle Blicke auf sich. Dorlass verleiht Effi eine naive Ehrlichkeit, eine ungläubige Freude am Leben, die sie abhebt von den schrägen Gestalten um sie herum.

Die Inszenierung richtet sich an Ab-14-Jährige und zeigt in zwei Stunden die Geschichte einer unglücklichen Ehe. Vieles ist gut beobachtet und umgesetzt. Instettens und Effis erster gemeinsamer Tanz stammt aus dem Onlinespiel Fortnite. Effi, niedlich wie ein Mangapüppchen mit silberweißer Perücke und rosigen Wangen, redet über Männer und spitzt das Mündchen Richtung Kamera. Die Bühne im Kleinen Haus wird mit einem Vorhang verhüllt, auf den die Videos projiziert werden. Dann wird er weggezogen, und auf der Bühne (Juliette Collas ist auch für die Kostüme verantwortlich) erscheint eine Art Hollywood-Motel. Instetten (Christoph Rinke als steifbeiniger selbstgerechter Kerl mit Backenbart) legt seine Effi in ein Schaumbad. Er hält nichts von eigenständigen Frauen.

Es deutet sich an, dass Instetten Effi durch Angst zu kontrollieren versucht. Die Geistersymbolik des Romans wird mit Stilmitteln aus dem Horrorfilm übersetzt, aber behutsam. Ein Schild fordert „Smile“. Wenn es flackert, scheint die Zeit voranzuspringen. Effi schreit ihren Mann an, fordert, nicht als Kind behandelt zu werden. Dann stürmt sie aus der Tür und hintenrum wieder auf die Bühne, wie die Gefangene in einer Zeitschleife. Instetten will Effi in einer Weibchenrolle gefangensetzen. Dabei hilft die unheimliche Dienerin Johanna (Maria Goldmann), die ständig Süßigkeiten präsentiert. Es ist wohl was drin.

Turecek spielt auch auf den Nationalismus an, mit dem sich Fontanes Werk auseinandersetzte. So lässt Instetten, der ja Politiker ist, gerne Schlagworte wie „Schutzzölle“ fallen oder schwadroniert von einem sittlichen Gesetz des „Volkskörpers“, das verlange, dass Kulturfremde ferngehalten werden und dass die Frau sich dem Mann unterwirft. Weiter wird hier aber nicht modernisiert.

Die Geschichte wird von sieben Ensemblemitgliedern gestemmt. Alle Rollen außer Effi und Instetten sind doppelt besetzt. So gibt Carola von Seckendorff Effis Mutter Luise als eine Frau voll Standesdünkel, die selbst mal mit Instetten angebändelt hatte. Sie spielt auch, in Kittelkleid und kanariengelber Jacke, Roswitha, die Effi als Pflegerin für ihre Tochter Annie beschäftigt. Als Major Krampas erscheint Louis Nitsche in Operettenuniform und Sneakern. Das schaut sich alles gut an. Allerdings bleibt die Charakterzeichnung dabei auf der Strecke, stattdessen werden oft das drehbare Schaumbad oder der Vorhang bemüht. Der zweite Teil des Abends wirkt auch ein wenig nacherzählt, als müsse man zum Ende kommen.

Passend für eine moderne Effi gibt‘s am Schluss eine Wutrede. Effi geigt dem Publikum die Meinung. Es reicht. Frauen müssen sich für nichts entschuldigen, und „unser Platz ist nicht in einem Scheißschaumbad“. Richtig so, Schwester. Traurig, dass all die weibliche Wut über männliche Bevormundung noch immer einen aktuellen Sound hat.

14., 18., 28.3., 13., 14., 18., 20., 25., 26., 29.5., 3.6.,

Tel. 0251/ 59 09 100, www. theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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