Gregor Schneiders Raumskulptur „Kunstmuseum“ in Bochum

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Gregor Schneider im „Archiv“ seiner Installation „Kunstmuseum“ im Kunstmuseum Bochum.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Allein fühlt man sich in dieser Metallröhre, in der man gebückt gehen muss. Den Weg erkennt man im Dämmerlicht manchmal nicht mehr, und einmal führt das totale Schwarz in eine Sackgasse. Führt dieser Weg in die Kanalisation? Die Lampen, die sichtbaren Leitungen lassen auch an einen Schacht denken, an Bergbau, was im Ruhrgebiet ja auch nicht völlig daneben liegt. Eine Tür führt einfach weiter in das nächste Stück Rohr. Plötzlich glitzert da Schlamm auf dem Boden. Ein verwirrender Ort.

Gregor Schneider hat im Kunstmuseum Bochum seine Arbeit „Kunstmuseum“ realisiert. Er verwandelt das Ausstellungshaus in eine Szenerie, erzählt mit dem 100 Meter langen Parcours eine Geschichte aus Gefühlen, Anmutungen, Wahrnehmungen. Den Haupteingang findet der Besucher verschlossen. Von der Seite her, neben dem Lieferantenzugang, öffnet sich über eine Treppe die Röhre. Einzeln durchläuft man diesen Weg. Mit einem Zählwerk wird dafür gesorgt, dass der Besucher nicht durch Gesellschaft abgelenkt wird von dem Raum.

Und es ist nicht nur die Röhre. Unvermittelt wechselt die Szenerie zu kühlen Kellerräumen. Man kommt in ein Archiv mit Regalen, Kisten, einem Schreibtisch mit einem Computer, auf dem Bilder einer Überwachungskamera laufen. Wurde man beim Weg durch das Labyrinth beobachtet? Es folgt ein verlassenes Büro, in dem ein Kaktus auf einem Aktenschrank steht. Das könnten jene Orte im Museum sein, an die der Kunstfreund nie gelangt. Büros, Archiv, Schaltraum. Vielleicht ist gerade etwas passiert, und alle Menschen mussten das Haus verlassen. Hier merkst Du davon nichts.

All das ist Erfindung, ausgedacht, entworfen, eingebaut in jenen Bereich im Erdgeschoss, wo sonst Bilder an Wänden hängen. All die verschlossenen Türen führen vor Mauerwerk. Selbst der Stammkunde des Museums kennt sich hier nicht mehr aus. Schneider hat das Museum sozusagen umgestülpt.

Die bildmächtige Installation des 1969 in Mönchengladbach-Rheydt geborenen Künstlers ist ein Projekt der Ruhrtriennale. Ursprünglich sollte Schneider das Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg verwandeln. Aber Sören Link, Oberbürgermeister der Stadt, sagte die Schau „totlast“ ab. Den Röhren seien „Verwirrungs- und Paniksituationen immanent“. Angeblich sei die Stadt nach der Katastrophe bei der Loveparade von 2010, bei der 21 Menschen starben, „nicht reif“ für eine Kunst, die mit Räumen und Enge spielt. Bochum sprang ein, statt der sieben Monate Vorbereitungszeit, die in „totlast“ investiert war, hatten der Künstler, das Kunstmuseum und die Ruhrtriennale fünf Wochen. Alle Beteiligten betonen, dass in Bochum ein eigenständiges Werk zu sehen ist, nicht das verlegte Duisburger Projekt. Trotzdem zeigt die Arbeit, wie feige der Duisburger Entschluss war. Gewiss weckt Schneiders Installation auch dunkle Gefühle. Aber er setzt auf Befremden, nicht auf Schocks. In „Kunstmuseum“ bedrängt der Raum den Einzelnen, nicht eine Menschenmenge in Panik. Und Schneider sucht das produktive Unbehagen, das die Fantasie antreibt, das Bewusstsein schafft, nicht den Schmerz.

So verpasst man in Duisburg eine Gelegenheit, der Stadt zu einer neuen, positiven Erzählung zu verhelfen. Der Politiker zog vor, die Stadt im verordneten Trauer- und Traumamodus zu halten.

Schneider, ein vielfach ausgezeichneter Künstler, unter anderem 2001 mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig, kommentiert mit Arbeiten wie „Kunstmuseum“ nicht politische Sachverhalte. Das würde seinen Fantasiegebäuden die Geheimnisse rauben. Den Lockungen des Unbehagens in Bochum sollte man sich unbedingt hingeben.

Bis 12.10., di – so 10 – 18, mi bis 20 Uhr, Tel. 0234/ 910 42 30, www.kunstmuseumbochum.de; www.ruhrtriennale.de

Die Ausstellung Sammlung Hense wurde bis 28.9. verlängert und ist über den Personaleingang zugänglich, wenn man nicht durch Schneiders Arbeit gehen will

Quelle: wa.de

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