„Green Frankenstein“ am Schauspiel Dortmund

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Szene aus „Green Frankenstein“: Annika Meier gibt das Blech-Monster (Mitte), Christoph Jöde (von links), Sebastian Graf, Uwe Schmieder und Bettina Lieder im Studio des Schauspiel Dortmund. J

Von Achim Lettmann ▪ DORTMUND–Rot sind die Kinosessel im Studio des Schauspiel Dortmund. Hier macht Regisseur Jörg Buttgereit erstmal auf verkehrte Welt: Platzkarten werden entwertet, Popcorn gekauft, Getränke geordert und seine fünf Darsteller nehmen die Konsumentenrolle ein – sitzen und warten im Vorstadtkino von Susanne Priebs (Bühne). Sie starren übers Premierenpublikum hinweg auf die imaginäre Leinwand.

Es werden zwei Geschichten erzählt, die die Kunstformen Theater und Film amüsant wie selbstironisch miteinander verbinden. Mit „Green Frankenstein & Sexmonster! – Double Feature in 3D“ ist Buttgereit ein überraschender Auftakt in die Dortmunder Schauspielsaison gelungen. Der Regisseur der Arthouse-Horrorfilme „Nekromantik“ und „Der Todesking“ bleibt seiner Kinowelt treu und führt doch beide Darstellungsformen auf den Ursprung der szenischen Kunst zurück: aufs Rollenspiel.

Annika Meier spielt eine Moderatorin, die den Lehr-Monsterfilm erläutert, und ganz gewissenhaft durch die übergroße Brille schaut. Ja, die Japaner mussten sich mit der Niederlage im 2. Weltkrieg befassen, als „Godzilla“ 1954 aus dem Meer stieg und Tokio im Film verwüstete. Das Monster war eine atomare Mutation, die an die Bombenabwürfe auf Hiroshima erinnerte. Im Dunkel des Kinosaals entwickelt sich aus der Literaturvorlage von Mary Shelleys Frankenstein ein wüster wie trashiger Monsterfilm der 70er Jahre. Green Frankenstein ist aus dem Meer gestiegen, um die Menschen für ihre Umweltsünden zu strafen, und Geräuschemacher Dieter Hebben bläst ins Wasserglas. Der heimliche Hauptdarsteller in Dortmund lässt Möwen kreischen, Wellen im Hafenbecken plätschern und Hubschrauber abschmieren. Ein Profi. Es ist herrlich, wie einfach und wirkungsvoll die Genrebilder vorm geistigen Auge entstehen. Uwe Schmieder spricht den Wissenschaftler, der an einem Cyborg-Frankenstein arbeitet, Bettina Lieder ist seine japanische Assistentin, die er natürlich liebt. Unglücklich. Dieser Kitsch macht Spaß, weil das Ensemble übertreibt, ohne aus den Rollen zu fallen. Aus den Sprechnummern heraus entstehen kleine Szenen, wenn Sebastian Graf in Jeans und grünem Hemd als Green Frankenstein böse ins Mikro grollt und auf die Sessellehne steigt. Annika Meier hat sich längst als metallisches Kontra-Monster in Bewegung setzt und bietet einen Kampf der Giganten. Schreien, brüllen, stampfen. Das ist hinreißend abstrus und gewinnt an Komik, weil das laienhafte Spiel genau die Identifikationsfreude berührt, die jeder Kino- und Theaterbesucher teilt, wenn er sich von den Szenen mitreißen lässt.

Jörg Buttgereit arrangiert diese Unterhaltungsroutinen ganz souverän. Das „Sexmonster“ ist seine zweite Reminiszenz an die Schmuddelkinos der 70er, als Katastrophen- und Pornofilme liefen. Christoph Jöde spricht den kleinen Adam Wishman, dem in New York City das bessere Stück seines Freundes unfreiwillig angenäht wird. Dick ist einem Virus zum Opfer gefallen, so dass nun das Sexmonster Adam nach Mandy (Annika Meier) greift und auf dem Empire State Building landet wie einst King Kong. Die trashige Erzähldichte geht über alle Logik hinweg. Das ist kurios und ein bisschen enthemend, wie hier Genre-Schmonzetten einladen, unbekümmert, naiv und heiter zu sein.

8., 19. Oktober; Tel. 0231 / 5027 222; http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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