Grafik von William Turner in der Städtischen Galerie in Paderborn

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Virtuoses Spiel mit dem Licht: William Turners Grafik „Die Krypta von Kirkstall Abbey“ (1812), zu sehen in Paderborn. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ PADERBORN–Wuchtig wirken die Gewölbe der Krypta von Kirkstall Abbey, die auf mächtigen Pfeilern ruhen. Doch in der Pforte ins Freie klaffen Lücken im Mauerwerk. Und im Sonnenschein durch das linke Fenster lagert eine kleine Kuhherde. Natürlich kann man das Motiv William Turners als moralische Klage über den Verfall des Gotteshauses und den Zustand der Kirche lesen. Man kann sich aber auch an höchster Kunst erfreuen: Wie er im Medium der Radierung den Einfall des Lichts und die Reflexionen einfängt.

Das Blatt ist in der Ausstellung „Reisen mit William Turner“ zu sehen. Joseph Mallord William Turner (1775–1851) gehört zu den berühmtesten englischen Künstlern. Es gibt Kunstfreunde, die London nur besuchen, um die exquisiten Sammlungen seiner Gemälde in Tate Gallery, National Gallery und British Museum zu sehen. Die Städtische Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus in Paderborn zeigt rund 90 Werke, vor allem den kompletten Zyklus des Liber Studiorum, seines „Studienbuches“. Das Mappenwerk schuf er zwischen 1807 und 1819. Es nimmt eine zentrale Stellung in seinem Schaffen ein: Hier formulierte er, zunächst in Aquarellskizzen, dann in aufwendigen Drucken, deren Produktion er persönlich überwachte, eine Art Kanon der Landschaftsdarstellung. Er markierte jedes Blatt oben mit einem kleinen Buchstaben: A für Architekturveduten, M für Marinen, P für Pastoralen, also Szenen des Landlebens. Und der Druck war weit mehr als Reproduktion: Turner sah darin eine Übersetzung in ein anderes Medium.

Die 71 Blätter dieses Programmwerks stammen aus der Bury Art Gallery in Lancashire und wurden 2008 erstmals in Deutschland gezeigt. Nun sind die Kostbarkeiten in Westfalen zu sehen, ergänzt um neun Aquarelle und weitere Grafiken. Im Fall der Kühe in der Kirchenkrypta kann der Besucher sogar unmittelbar vergleichen, wie virtuos die Darstellung des Lichts aus dem farbigen Aquarell von 1797 in der Monochromie des Drucks bewahrt wurde.

Die Blätter entstanden im Mezzotinto-Verfahren. Dabei wird die Druckplatte zunächst so aufgeraut, dass sie komplett schwarz drucken würde. Anschließend werden die Partien, die hell erscheinen sollen, geglättet oder geschabt. Zusätzlich wurden noch Radier- und Ätztechniken eingesetzt. So erscheinen einzelne Partien klar zeichnerisch konturiert, andere in feinsten Schattierungen.

Das verleiht den etwa postkartengroßen Blättern ihre immense Präsenz. Turner zieht alle darstellerischen Register auch bei den Motiven. Er zeigt bekannte Städte wie Basel und London (mit einem kleinen Rudel Hirsche im Vordergrund), das weite Panorama eines schottischen Sees ebenso wie die dramatisch platzierte kleine Teufelsbrücke in den Schweizer Alpen. Er führt uns an die aufgewühlte See mit schlingernden Schiffen und auf einen Bauernhof, wo ein stolzer Gockel den faul herumliegenden Schweinen etwas vorkräht. Wenn Turner von der ländlichen Arbeit erzählt, dann erinnert seine Kunst an die niederländischen Meister des Goldenen Zeitalters, zum Beispiel wenn er die Anlage von Hecken und Gräben (1812) darstellt. Andere Blätter weisen den Künstler als Romantiker aus, zum Beispiel wenn er Jason darstellt, der sich an den Drachen heranschleicht. Der glitzernde Schwanz des Reptils deutet die lauernde Gefahr an. Und manchmal zeigt Turner einfach nur spielende Kinder.

In Paderborn sind faszinierende Virtuosenstücke zu sehen. Man braucht Zeit, um die Detailfülle mancher Blätter zu erkunden. Es lohnt sich.

Die Schau

Der entdeckungslustige Meister schuf sich ein Musterbuch der Landschaftskunst: Reisen mit William Turner in der Städtischen Galerie in der Reithalle in Paderborn, Bis 15.7., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 881 076,

http://www.paderborn.de/kultur;

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 17 Euro

Quelle: wa.de

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