Grafik des Expressionismus im Folkwang Museum Essen

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Begegnung Schlemihls mit dem grauen Männlein auf der Landstraße aus der Bildfolge „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ (Farbholzschnitt, 1915) von Ernst Ludwig Kirchner, zu sehen in Essen.

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Die Grafische Sammlung des Museum Folkwang in Essen hängt sich ein bisschen an die Ausstellung des Jahres: „Das Schönste Museum der Welt“ rekonstruiert die Sammlung von Karl Ernst Osthaus, die ab 1934 im vorauseilenden Gehorsam ausverkauft wurde. Der Kulturbruch der Nazis sollte 1937 mit der Schau „Entartete Kunst“ in München zur Zwangsvollstreckung in ganz Deutschland führen. So ging Ernst Ludwig Kirchners siebenteiliger Farbholzschnitt „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ dem Haus verloren. Dabei hatte Kirchner die Blätter Karl Ernst Osthaus 1915 persönlich überlassen.

Dies berichtet Tobias Burg, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Essen, mit Blick auf die Schau „Schlemihl Wozzeck Lenz. Bildfolgen des Expressionismus“. Weil die Druckgrafik mit dem Expressionismus einen Aufschwung erlebte, verweist das Haus mit dieser Schau auf den eigenen wertvollen Bestand. Kirchners farbige Holzschnitte beispielsweise sind unerreicht. Ihn interessiert nicht die Vervielfältigung, sondern der einzelne Druck. Die „Schlemihl“-Blätter Kirchners konnten 1957 zurückgekauft werden, allerdings nicht dieselben – Kirchner hatte für Osthaus eine Widmung verfasst. Dieses Serien-Exemplar ist in Privatbesitz.

Neben Kirchner sind Blätter von Ernst Barlach, Walter Gramatté, Paul Gangolf und Erich Heckel zu sehen. Es sind ausnahmslos herrliche Belege dafür, wie intensiv die Künstler dieses bildgebende Verfahren anwandten. Von Heckel hat die Grafische Sammlung rund 800 Blätter. Von fast jedem Werk des Künstlers gibt es ein Beispiel in Essen. „Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading“ (1907) hat Heckel nach Oscar Wildes Text geschaffen, der die Erfahrungen des Dichters festhielt. Wilde selbst musste wegen seiner Homosexualität zwei Jahre in Reading (1895-97) einsitzen und starb an den Folgen der unmenschlichen Inhaftierung. Diesen Schrecken setzt Heckel in porträthaften Holzschnitten um: Richter, Wärter und Gefangene. Außerdem abstrahiert Heckel in Blättern wie „Das Grauen“ und „Angst“ psychische Zustände.

Auch Walter Gramatté (1879-1929) verzichtet in seiner Druckfolge „Lenz“ (1924/25) auf szenische Bilder. Die 13 Radierungen sind nach Georg Büchners Erzählung entstanden und zeigen den Kopf Jakob Lenz‘ als Gradmesser seines seelischen Verfalls. Am Ende ist über das Gesicht des Schriftstellers hinweg gekritzelt, um seine innere Leere und den Selbstverlust auszudrücken. Solche Bildfolgen haben einen starken Sog, auch Gramattés „Wozzeck“ (1925) zum gleichnamigen Drama Büchners lebt von dieser dramatischen Wirkung, ist aber viel erzählerischer entwickelt.

Ernst Barlach schafft ebenfalls eine berichtende Bildfolge. Ihn bewegt in „Der tote Tag“ (1910), die Auseinandersetzung mit seiner Frau. Nicht nur ein Drama auch 27 Lithografien hat der Bildhauer dazu geschaffen. Sie wirken mit dem Bildduktus des Litho-Steins viel sachlicher als Gramattés harte Radierungen, die vom spitzen Strich der Nadel her schon zur skizzenhaften Dramatik einladen. Gerade die verschiedenen Techniken macht diese Ausstellung so reich.

Paul Gangolf huldigt mit wuchtigen, temporeichen und ausufernden Stadtbildern der Moderne. Seine neun Lithografien „Metropolis“ (1922) drücken die Hassliebe der Expressionisten zur Großstadt aus.

Bis 13. Juni; di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr. Christi Himmelfahrt geöffnet.

Quelle: wa.de

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