„Gold“: Thomas Arslans Film auf der Berlinale

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Im deutschen Berlinale-Beitrag „Gold“ von Thomas Arslan glänzt Nina Hoss. ▪

BERLIN ▪ Let‘s go west. Die erste deutsche Produktion im Wettbewerb um den Goldenen Bären spielt im Wilden Westen. Es geht in „Gold“ um Menschen, die ihrem Leben eine neue Perspektive geben wollen. Von Achim Lettmann

Es geht also um Sehnsucht, der ewige Brennstoff für Kinogeschichten. Thomas Arslan, Filmemacher („Im Schatten“) mit türkischen Wurzeln, will erinnern, wenn er sieben Deutsche auf den Weg nach Alaska zum Klondike schickt, wo bereits die Abenteuer von Jack London spielten. Arslan erinnert an Auswanderer, die in Amerika zwischen 1830 und 1900 neu anfingen. Es waren sechs Millionen Deutsche. Mit seinem Migrationshintergrund fühlt sich Arslan diesen Biografien nahe. In einem Antiquariat hatte er Fotobände gesehen, die Goldsucher zeigen. Mit einer kleinen Kodak-Kamera wurden 1898 Lebensträume visualisiert.

Thomas Arslan zählt wie Christian Petzold („Barbara“) zur Berliner Schule. Gemeint ist eine filmische Erzählweise, bei der Figuren mehr beobachtet als dramatisiert werden. Emotionen sind sparsam eingesetzt, Dialoge knapp, und das Szenenbild ist einfach, halbdokumentarisch. Dass Arslan mit Nina Hoss dreht, ist keine Überraschung. Sie lässt ihre Empfindungen flirren, ohne mimische Strapazen. Sie ist die deutsche Kinoschauspielerin der letzten Jahre. Overacting wird tatsächlich zum Fremdwort, sieht man Nina Hoss zu. Und so macht sie sich mit dem Western „Gold“ Schritt für Schritt auf den Weg.

Nach einer Zugfahrt sind es noch 2 500 Kilometer durch die Wildnis nach Dawson, wo die Nuggets im Flusskies schlummern. Emily kommt aus Chicago, wo sie den undankbaren Job als Dienstmädchen quittiert hat. Müller (Uwe Bohm) will über die Tour für ein Blatt in New York schreiben, Rossmann (Lars Rudolph) möchte Frau und Kindern ein besseren Leben bieten. Ein altes Pärchen (Rosa Enskat, Wolfgang Packhäuser) hat sein Restaurant verkauft und die Altersvorsorge mit Glückssuche verbunden. Boehmer (Marko Mandic) braucht eine Zukunft, weil er in Virginia einen Mann erschossen hat. Und auf die Anzeige von Laser (Peter Kurth) haben alle reagiert. Er ist der Anführer, der versucht, alle um ihre Schürfrechte zu betrügen. Als er nachts mit dem Kapital der Gruppe abhauen will, wird er gestellt und schon muss Recht gesprochen werden in einer gottlosen Gegend.

Regisseur Arslan spart kein Westernsujet aus. Laser soll aufgehängt werden, erschöpfte Pferde kriegen die Kugel, Indianern glaubt man nicht, Whiskey ist immer greifbar. Das wirkt unausweichlich und damit ein bisschen hölzern. Die Lady verliert auf der strapaziösen Reise langsam an Haltung. Die Haare sind zerzaust, die Bluse ist schmutzig, und nachdem sie den Betrüger laufen lässt, muss eine Notoperation durchgeführt werden, die John Wayne nie machen musste. Auf die Bärenfalle folgt der Fuchsschwanz. Ritsche ratsche, das Bein muss ab.

Arslan spült das Land der harten Männer weich, weil einer nach dem anderen aufgibt, flieht, zurückbleibt, umkommt, abdreht oder erschossen wird. Wer hält wohl durch? Die Rocky Mountains sind hoch und weit. Aber sobald Kameramann Patrick Orth ihnen näher kommt, rutschen sie aufs Format Mittelgebirge zurück.

„Gold“ ernüchtert. Chronologisch werden einem die Hoffnungen sachte ausgetrieben, die die amerikanische Erzählkultur immer wieder anstimmt: Freiheit, Selbstbestimmung, Geld. Grenzüberschreitungen werden entzaubert. Ob Thomas Arslan den Western mit einer deutschen Auswandererstory belebt, muss bezweifelt werden, zu hermetisch sind die Figuren, die ihrem Schicksal nicht entgehen.

Emily immerhin hat etwas gelernt. Sie kämpft um ihr Leben, ihre Liebeshoffnung, und das bedeutet im Western: Sie muss schießen. Das war bestimmt nicht auf den alten Kodak-Fotos im Antiquariat zu sehen, die Thomas Arslan inspirierten. Aber auch der Regisseur kennt den Western, wie er war und immer sein muss.

Wegen der sparsamen Präsenz deutscher Filme im Wettbewerb ist mit Interesse verfolgt worden, wie sich Martina Gedeck und Til Schweiger in internationalen Produktionen präsentieren. Til Schweiger ist tatsächlich das erste Mal überhaupt in einem Berlinale-Film zu sehen. Wer seine Komödie „Kokowääh II“ gesehen hat, weiß, warum.

Innovatives Kino ist nicht sein Metier. Auch diesmal nicht, Schweiger gibt einmal mehr den brutalen Macker. In Bukarest piesackt er Touristenjungs („Ich bin Darko“). Einer davon ist Shia LaBeouf („Transformers“), der in „The Necessary Death of Charlie Countryman“ seiner Liebe (Evan Rachel Wood) in der Balkanmetropole hinterher jagen darf.

Schweiger hält sich in dem US-Film neben Mats Mikkelsen („Casino Royale“) ganz ordentlich, muss aber auch nur böse und überheblich gucken. Ein Mann fürs Grobe im Mainstream-Kino.

Martina Gedeck spielt in der französischen Produktion „Die Nonne“ eine Mutterfigur im absolutistischen Frankreich. Sie möchte ihre dritte Tochter im Kloster wissen, damit ihr Seitensprung nicht auffliegt, den sie immer verheimlichte. Gedeck gibt eine standesbewusste Adelige, die ihr Geheimnis („einzige Sünde“) bewahrt, egal wie es Suzanne dabei geht. Regisseur Guillaume Nicloux porträtiert „Die Nonne“ (Pauline Etienne) aus Denis Diderots Roman als mühevolle Durchhaltegeschichte mit gutem Ausgang. Kein Wohlfühlkino.

Quelle: wa.de

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