Gogols „Revisor“ bei den Ruhrfestspielen

+
Hat er mal nen Rubel? Szene aus dem „Revisor“ in Recklinghausen mit Bernd Michael Lade, Marc Baum und Jevgenij Sitochin (von links) ▪

Von Ralf Stiftel ▪ RECKLINGHAUSEN–Chlestakov schwebt auf die Bühne, in einem schrägen Gerüst, das an einer Schiene hängt. Er rudert pantomimisch, als säß er in einer Gondel in Venedig. Die Leichtigkeit des Seins, der Mann hat sie einfach. Sein Geld hat er verspielt, der Wirt fordert endlich die Miete, der Magen knurrt. Aber Chlestakov geht es noch gut. Als der Stadthauptmann kommt, kann er sich sogar noch aufregen. Und alles wendet sich für ihn zum Guten: Er wandert nicht in den Knast, sondern bekommt noch 400 Rubel „geborgt“.

Mit Nikolai Gogols „Der Revisor“ beginnt das Programm der Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Russlands Dramatik steht im Fokus. Festspielleiter Frank Hoffmann inszeniert die klassische Komödie als Koproduktion mit dem Théâtre National du Luxembourg und dem Theater Bonn. Der Stadthauptmann erwartet einen Revisor aus St. Petersburg, und weil die kleine Stadt durch und durch korrupt ist, droht den Honoratioren Gefahr. Ausgerechnet der Habenichts und kleine Beamte Chlestakov wird nun für den Revisor gehalten und kräftig geschmiert. Er verlobt sich mit der Tochter des Stadthauptmanns, leiht sich viel Geld und verschwindet gerade rechtzeitig, ehe der echte Revisor eintrifft.

Korruption ist ein zeitlos aktuelles Thema, man denke nur an die Empfänglichkeit eines kürzlich zurückgetretenen bundesdeutschen Staatsoberhaupts. Insoweit passt Gogols beißende Satire tatsächlich in die Gegenwart. „Die Amtsträger sind unter uns“, schreibt Dramaturg Andreas Wagner im Programm, ja, sie sitzen an diesem Abend in der ersten Reihe. Aber Entlarvung müssen sie von dieser handzahmen Inszenierung nicht befürchten.

Hoffmann lässt alles schön nach der Reihe ablaufen. Die korrupten Kleinstädter tragen dicke Pelzmäntel, den prächtigsten der Stadthauptmann, der an jedem Finger einen Ring aufgeschoben hat und einen Spazierstock mal als Stütze, mal als Degen, mal als Szepter benutzt. Da sitzen sie alle nebeneinander auf ihren Stühlen und grimassieren ins Publikum. Grelles, vordergründiges Typenspiel soll hier den Lachanlass geben. Ein großer Schauspieler wie Rolf Mautz muss hier das Stadtoberhaupt jedes Mal mit vollem Namen ansprechen: „Anton Antonovic Skvoznik-Dmuchanovskij“, damit jeder merkt, was für ein Pedant vor uns steht. Umständlich umarmen sich alle zur Begrüßung. Der Postmeister (Steve Karier) wuselt hektisch umher und stottert, bis der knurrige Krankenhauschef (Georg Marin) mit dem Finger schnipst. Sie haben ihre Auftritte gern als Prozession zu Prokofievs Musik, als liefe hier eine Spieluhr. Und Bobcinskij und Dobcinskij kommen als Zwillingspaar mit schwarzen Melonen daher wie Schulze und Schultze aus „Tim und Struppi“. Und alles ist ächt rrrussisch, sogar wenn die Stadtgrößen das „Zieht euch warm an“ anstimmen, mit der albernen Fortsetzung: „Die Kälte greift den Darm an.“

Gogols Spitzen werden so zu Museumsstücken abgeschliffen. Die Fernsehstars geben der Aufführung noch etwas Profil. Bernd Michael Lade, einst Kommissar Kain im Leipzig-Tatort, gibt dem Stadthauptmann eine gewisse Schärfe mit, die solch ein Provinzdiktator doch unbedingt braucht. Ihm nimmt man es sogar ab, dass er am Ende einen seiner Mitintriganten mit Genickschuss exekutiert.

Hinreißende Momente hat Jevgenij Sitochin, bekannt zum Beispiel aus Dominik Grafs Russenmafia-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, als Chlestakov. Er setzt ja nicht nur seine Muttersprache Russisch lautmalerisch ein, wenn es um Puschkins Gedichte geht. Er spielt auch den Slapstick mit chaplinesker Schwerelosigkeit, stößt zum Beispiel gegen Pfosten, lässt sich mal auf Frau, mal auf Tochter des Stadtkommandanten fallen, die er zugleich charmiert. Unter den Charaktermarionetten scheint er allein zu leben.

So erlebt man knappe zwei Stunden redliches Bemühen um ein großes Stück. Es wird ausgestellt. Aber was es uns zu sagen hätte, das bringt Hoffmanns Inszenierung nicht auf die Bühne.

Der Revisor

im Festspielhaus Recklinghausen, 5., 6., 7.5.,

Tel. 02361/ 92 180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare