Van Gogh Museum Amsterdam zeigt „Picasso in Paris“

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Das elegante Leben der Metropole: Picassos Blick auf die „Moulin de la Galette“ (1900), zu sehen in Amsterdam. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ AMSTERDAM–Die Gesichter der Kokotten überstrahlen sogar die Gaslampen. Feine Reflexe geben den Zylindern der Herren Volumen und Präsenz. Souverän wird der Blick gelenkt vom Tisch vorn links bis in die Tiefe des turbulenten Treibens. Hier malte nicht Renoir, nicht Toulouse-Lautrec die „Moulin de la Galette“, das oft dargestellte Vergnügungslokal im Paris um 1900. Picasso (1887– 1973), gerade 19 Jahre alter Nachwuchsmaler aus Barcelona, aus der Provinz sozusagen, zeigt, dass er mithalten kann auf dem avanciertesten Kunstmarkt jener Zeit.

Das Gemälde kam aus dem New Yorker Guggenheim Museum ins Van Gogh Museum Amsterdam, das die Ausstellung „Picasso in Paris (1900-1907)“ zeigt. Sie vermittelt, wie aus einem Unbekannten innerhalb weniger Jahre ein Meister an der Spitze der Avantgarde wurde. Der Aufenthalt in Paris liefert den Schlüssel dazu. Für die von der Picasso-Expertin Marilyn McCully kuratierte Schau, die in Zusammenarbeit mit dem Museo Picasso in Barcelona erstellt wurde, wurden rund 70 Werke aus Museen wie dem Pariser Centre Pompidou und dem NewYorker Metropolitan Museum zusammen getragen.

Es war die Weltausstellung, die den jungen Picasso im Oktober 1900 an die Seine lockte, als Sonderkorrespondent der Zeitschrift Catalunya artistica kam er mit seinem Freund, dem Schriftsteller Carles Casagemas. Er betrat eine Bohème, eine lebendige Künstlerszene, lernte das Werk von van Gogh, Gauguin, Toulouse-Lautrec kennen. Er ließ sich inspirieren. Am Anfang galt Picasso als begabt, aber auch als Epigone der Künstler, die mit Plakaten und Illustrationen die Epoche prägten. Gerade dieser Aufbruchsteil der Schau hat überzeugendes Material. So sieht man neben Théophile Steinlens Gemälde „Umarmung“ (1895) Picassos Version des Motivs. Fieberhaft arbeitet sich der Spanier durch die Errungenschaften des Post-Impressionismus, schafft Lokalszenen mit eleganten Paaren beim Diner wie von Toulouse-Lautrec, Stillleben wie von Cézanne und liefert Skizzen von Grisetten wie Jeanne Avril für Zeitschriften. Die helle Champagnerlaune und die Absinth-Melancholie trifft er auf Anhieb. Aber man spürt in Werken wie der Zwergen-Tänzerin, die er mit expressiv gesteigerten Pinselhieben à la van Gogh darstellt, und der nackt hingekauerten verrückten Frau mit Katzen (beide 1901), dass da weit mehr wartet.

Den ersten Einschnitt löst ein Drama aus. Picassos Freund Casagemas ist unglücklich verliebt und erschießt sich 1901. Der Maler ist in Madrid. Aber unter dem Schock malt er mehrmals den toten Casagemas, und seine Palette verliert alle Buntheit, wechselt in ein Nachtblau. Picasso malt Casagemas später in seinem Bild „La Vie“ (1903), das allerdings in der Ausstellung fehlt wie manches andere Hauptwerk. Aber solche frühen Picassos werden selten ausgeliehen, selbst wenn keine konservatorischen Bedenken bestehen. Immerhin sieht man den „toten Casagemas im Sarg“, die „melancholische Frau“ und das vergleichsweise heitere Bild „Das blaue Zimmer“ (1901) aus der blauen Periode.

Ab 1904 lebt Picasso in einem Atelier am Montmartre, und er schließt Freundschaft mit Schriftstellern wie Guillaume Apollinaire und Max Jacob. Er interessiert sich für die Welt des Zirkus und der Gaukler. Seine Bilder wechseln die Farbe, die rosa Periode beginnt. Auch hier begegnet man hinreißenden Werken wie dem traditionellen Porträt von Benedetta Casals und dem eigenwilligen Knaben mit Pfeife (beide 1905). Picasso bereist auch Holland, und es passt zum Ausstellungsort, dass seine „drei holländischen Mädchen“ (1905) gezeigt werden, in traditioneller Tracht mit Hauben und Holzschuhen.

Aber im Wirbel der Kunstmetropole Paris begegnet Picasso auch neuen Werken, den Skulpturen Rodins ebenso wie archaischer und nicht-europäischer Kunst. Er kauft einem Dieb iberische Artefakte ab, die der aus dem Louvre gestohlen hatte. Als kurz darauf die Mona Lisa entwendet wurde, gab Picasso die Skulpturen zurück, um nicht in Verdacht zu geraten. Einen Männerkopf aus dem 3. Jh., der vorübergehend dem Maler gehörte, zeigt das Museum. 1907 ist das Jahr, in dem Picasso mit der Tradition bricht und neue Maßstäbe setzt. Sein revolutionäres Gemälde „Les Demoiselles d‘Avignon“ (1907) wird vom MoMA in New York nicht ausgeliehen. Es ist durch eine Skizze und motivisch verwandte Bilder vertreten. Den künstlerischen Quantensprung, den es bedeutet, kann man in der Ausstellung allerdings nachvollziehen. Auch das Selbstporträt von 1906 des immer noch sehr jungen Künstlers vermittelt, wie sehr er seine Vorbilder überwunden hat.

Picasso in Paris 1900 – 1907 im Van Gogh Museum, Amsterdam. Bis 29.5., tägl. 10 – 18, fr bis 22 Uhr. Tel. 0031/ 20/ 570 52 00, http://www.vangoghmuseum.nl

Katalog (nl./engl.) 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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