Goerdens Abschied in Bochum mit Festival „Ohne alles“

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Elmar Goerden probte den Abgang beim FEstival „Ohne alles“ in Bochum.

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–„Seufz doch mal“, fordert der Regisseur vom grauhaarigen Mimen, der da in Jeans und T-Shirt auf der Bühne steht. Die Zuschauer bekommen mit, was für ein Stück harter Arbeit es ist, den richtigen Abgang hinzubekommen.

Der Schauspieler braucht genau das, schließlich ist er Elmar Goerden, der sich am Wochenende als Intendant des Schauspielhauses Bochum verabschiedet hat. Und weil er eher ungern redet, hat er sich seine Abschiedsworte auf den Leib schreiben lassen von der Autorin Justin del Corte. Im Mini-Drama „Am Ende – ohne alles“ lässt sich der Regisseur und Bühnenleiter als Schauspieler vom Schauspieler Marco Massafra herumkommandieren, der den Regisseur gibt. Klar, dass hier jeder Satz voll Doppeldeutigkeiten steckt, wie in der Warnung, den Blick ins Publikum nicht so lange zu halten: „Sonst denkt man, du überlegst es dir noch anders.“ Oder auch: „Den Optimismus machst du gut – ich weiß gar nicht, wo du das hernimmst.“

Es war ja längst nicht alles so schlecht, wie manche Kritiker es machten am Schauspielhaus in der Ära Goerden. Der Nachfolger von Matthias Hartmann hatte immer wieder den Mut zu unkonventionellen Formen wie dem Autorenfestival „Ohne alles“. Das erfand er 2006, als ein Feuer das Kulissenlager des Schauspielhauses verwüstete. Weil Requisiten fehlten, bat der Bühnenchef Autoren um Ministücke, die man „Ohne alles“ spielen kann. Damals wurden 20 Texte uraufgeführt, den Abschluss von Goerdens Intendanz bildete die dritte Ausgabe des Festivals mit 27 Miniaturen zum Teil von prominenten Autoren wie Moritz Rinke, Helmut Krausser, Werner Fritsch, aber auch von jungen Kräften. Die Leichtigkeit und Heiterkeit, die man an manchen großen Inszenierungen vermisste – hier feierte sie ein Bühnenfest.

Einer der Höhepunkte: Burkhard Klaußner, Darsteller in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“, spielt in Jan Neumanns Stück „Knolls Katzen“ einen Theaterbesucher, dessen Mobiltelefon klingelt. Man merkt zuerst nicht, dass sich dieses Drama in der zweiten Reihe des Schauspielhauses ereignet. Aber dann fällt Scheinwerferlicht auf den unauffälligen Herrn im grauen Jackett. Er flüstert, dass er nicht so laut und nicht so lange telefonieren könne. Schließlich sitze er im Theater, und gleich fange das Stück an. Aber dann entwickelt sich eine hochkomische Geschichte um Nachbarn im Urlaub, die den Zweitschlüssel brauchen zu ihrer Wohnung, wo Katzen zu versorgen waren, was aber Herr und Frau Wagner offensichtlich versäumt haben, so dass nun wahrscheinlich stinkende Kadaver bei den Nachbarn liegen, die in 20 Minuten vor der Haustür stehen werden. „Das ist mir peinlich“, wendet sich Klaußner vor dem nächsten Telefonat an die Zuschauer neben sich, „aber es ist wirklich dringend.“ Schon nimmt die Geschichte eine weitere absurde Wendung. Das erinnert an Loriot-Dramolette, mit wunderbaren Versprechern wie bei Heinz Erhardt: „Das ist doch zum Katzen!“

Hier erkennt man, wie sehr Goerden eine Repertoirelücke erkannt hat: Neumanns furioses Stück trägt eine knappe halbe Stunde – und wird es praktisch nie auf den Spielplan schaffen, weil es keinen Abend füllt. Aber Miniaturen bieten herrliche Unterhaltung – warum nicht mehr solche Programme? In Bochum wird es das vorerst nicht geben, aber vielleicht an einer anderen Bühne im Revier.

Dort könnte auch Lothar Kittsteins „Vorsprechen“ laufen, von Goerden mit Imogen Kogge und Maja Beckmann inszeniert, ein ebenfalls sehr komisches Stück über eine junge Schauspielerin, die bei einer mürrischen alten Bühnenheroine für ein fragwürdiges Nazi-Stück vorspricht. Schon die aufgekratzte Begeisterung von Maja Beckmann ist hinreißend, wie sie mit peinlichen Komplimenten über all die „alten 70er-Jahre-Filme“ herausstammelt. Und die Grandezza erst, mit der Kogge ins Publikum hinein nach einer Zigarette fragt...

Nicht alle Uraufführungen setzen auf Komik. Lutz Hübner zum Beispiel zeichnet in „Shaleen“ das Porträt eines vereinsamten Kleinbürgers voller Vorturteile, der die Tür aufmacht, als das kleine Mädchen von nebenan klingelt. Ihr Vater liegt tot im Bett, ein Asozialer, ein Lude, und der Mann will keine Umstände. Sebastian Kuschmann charakterisiert den mürrischen Menschenfeind geradezu nüchtern. Christoph Nußbaumeder lässt in „Die Einsamkeit der Fußballfelder“ einen Ruhrpott-Kicker auftreten, dem im falschen Moment das Kreuzband reißt. Bernd Rademacher zeichnet diese Figur schön geradeheraus. Darja Stocker zeigt in „Die neue Freiheit“ Zustände aus der Arbeitswelt, und der kanadische Autor Jonathan Garfinkel führt in einer etwas oberflächlichen Satire Freud, Jesus und Paris Hilton zusammen.

Längst nicht alles glückte dem Intendanten Goerden. Sein Abgang aber war richtig stark.

Quelle: wa.de

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