„Gloria“: Starker Frauenfilm bei einer schwachen Berlinale

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Eine Dame mit Klasse: Paulina García im Film „Gloria“, der im Wettbewerb der Berlinale läuft. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BERLIN–Gut, dass es „Gloria“ gibt. Gloria ist eine Mittfünfzigerin, die gerne tanzt und den Richtigen fürs letzte Lebensdrittel sucht. Ihr Berlinale-Auftritt im Wettbewerb um die „Bären“ hat der Hauptsektion der 63. Internationalen Filmfestspiele endlich eine Figur gegeben, die authentisch, glaubwürdig und überraschend ist. Paulina García spielt sie in dem chilenisch-spanischen Film, der großen Applaus erntete.

Sonst dümpelt der Wettbewerb auf mäßigem Niveau dahin. Ein schwacher Jahrgang. Aber „Gloria“ von Sebastián Lelio nimmt einen mit, obwohl sie keine extravagante Frau ist. Wenn sie Schlager im Auto singt, ist sie nicht laut, sondern ein wenig ernst und herzenswarm. Sie konzentriert sich auf ihren Bürojob, weil es sein muss. Sie besucht Sohn und Enkel mit ein bisschen Sorge, wo denn die Mutter bleibt. Den Freund ihrer Tochter lernt sie zufällig kennen und hält den Moment ganz fest. Gloria stellt sich dem Leben, das man so kennt, und wird zur ersten Anwärterin auf den Silbernen Bären für die beste weibliche Darstellung. Paulina García spielt eine Frau, die sich zu kleiden weiß und Klasse ausstrahlt, selbst wenn ihre Wirkung auf Männer nachlässt. Als sie Rodolfo (Sergio Hernández), den Marineoffizier, kennenlernt, glaubt sie an eine Partnerschaft. Die kleinen Enttäuschungen, die der Regisseur einfädelt, sind undramatisch, aber treffsicher. Rodolfo verlässt ein Familientreffen wortlos, das für Gloria wichtig war. Sie versöhnt sich wieder. Aber Rodolfos Ex und die Töchter lassen nicht von ihm. Aus der Versorgerrolle kommt er nicht raus. Das ist wie in einem schlechten Krimi ermittelt, der zur Psychoposse über einen Waschlappen wird. Gloria kämpft und greift zu einer Waffe, die nicht die einzige wohltuende Wendung des ideenreichen Drehbuchs ist. Am Ende tönt auf einer Hochzeit, auf der Gloria eingeladen ist, der Disco-Hit „Gloria“, der ein wenig an ihre Schlager erinnert, aber vor allem die Selbstachtung einer starken Frau beschreibt. Eine herrlich kraftvolle Tragikomödie.

Vor allem Filme über Menschen, die ihren Platz im Leben suchen, zeigt der Wettbewerb. Adam zählt dazu, der katholische Priester im polnischen Film „In the Name of“ von Malgoska Szumowska. Er will seiner Homosexualität aus dem Weg gehen, läuft durch Wälder, arbeitet mit straffälligen Jugendlichen und versteckt sich in der Rolle des Hirten. Die Regisseurin geht behutsam vor und bereitet das Thema vor allem für die polnische Öffentlichkeit auf. Angst hat sie, dass ihr Film den Stempel „schwuler Priesterfilm“ bekommt. Deshalb wird Adams Annäherung mit einem Bauernjungen zu einem anonymen Coming out im Maisfeld. Eine verstörende und bewegende Lösung: Adam und Lukasz signalisieren ihre Emotionen wie Affenmenschen mit Gebrüll. Die Verzweiflung, die Andrzej Chyra als Adam spielt, ist dagegen betäubend, wenn er mit einem Gemälde von Papst Benedikt tanzt und zum Wodka greift.

Das Ziel, im eigenen Land zu wirken, hatte auch Matt Damon. Beim Hollywoodstar (Produzent, Drehbuch, Darsteller) färbt der gute Wille auf die Bildsprache ab. Im Heimatfilm „Promised Land“ sind brüchige Scheunen zu sehen, ehrliche Farmer, grünes Land. Das Loblied aufs alte Amerika kommt glatt und gefällig daher. Hier knorrige Landmänner, dort gierige Konzernmitarbeiter, die für Fracking alle Register ziehen. Aber sollen Amerikaner ihre Scholle mit Chemikalien vollpumpen lassen, die ihnen Jahrzehnte Fleisch und Mais lieferte? Nein, da wendet sich Damon als geläuterter Global-Verführer gegen die Landnahme. In den USA war der Film von Gus Van Sant kein Erfolg. In Berlin hätte er nicht präsentiert werden dürfen, weil er schon lange im US-Kino lief. So verrät die Berlinale ihre Kriterien. Immerhin war Damon zu Besuch, der Glamourfaktor zählt ja auch.

Der zweite deutsche Beitrag „Layla Fourie“ verstört. Regisseurin Pia Marais zeigt die schwarze Südafrikanerin Layla, die einen weißen Mann anfährt und ihn auf eine Müllkippe schafft, wo er stirbt. Wie berechtigt die Angst Laylas ist, dass ihr die Polizei den Unfall nicht glauben wird, wird im Drehbuch von Horst Markgraf und Pia Marais nicht hinreichend erklärt. So ist ihre Figur schnell unglaubwürdig, auch weil Rayna Campbell als Mutter emotionsarm spielt. Lügen und Ausflüchte bleiben zwiespältig. Ein Film, der an der Schuldfrage schwer trägt. Szenen aus Johannesburg und den Slums bleiben Clipbilder für eine Story, die gern den spürbaren Rassismus der Nach-Apartheidsära aufgedeckt hätte, aber die südafrikanische Gesellschaft nicht durchdringt.

Quelle: wa.de

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